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Nach dem Begräbnis

An der Umgebung erkannte Jonas recht bald, dass er träumte. Die Stube und die Großmutter darin, an der er vorbei zog, die ihm unverständliches nachrief. Und dann in dem Zimmer. Und Vanessa saß da. Von allen Menschen auf der Welt. Vanessa saß vor ihm, ihm auch Nachts keine Ruhe gönnend. Er griff nach ihrer Hand. Sie zog sie weg. Er wollte sie mit einem Kuss begrüßen. Sie ertrug es steinern. Er setzte sich ihr gegenüber. Sie sah auf den Boden. Dann sah sie ihm in die Augen. Es war dunkler, als wären Stunden vergangen und hätten den Tag vorbeiziehen lassen. Vor dem Fenster schrie jemand, aber so weit entfernt, dass man nichts verstand.

"Warum liebst du mich? Wegen der Aufmerksamkeit? Weil ich schön bin? Kannst du schon etwas lieben, abgesehen von meinem Körper?"
"Ich liebe, was du in meinem Kopf machst. Ich liebe das Gefühl, dass du auslöst."
"Hat das etwas mit mir zu tun? Ist da irgendetwas, was du von mir liebst?"
"Woher soll ich das wissen? Ich kenne dich viel zu wenig. Ich kenne dich fast gar nicht."
"Und was ist das dann, was wir machen? Was ist das, was du glaubst in mir zu sehen?"
"Verständnis. Ich fühle ein Verständnis und ich fühle ein Begehren."
"Ein Begehren? Aber ich begehre dich nicht."
"Kannst du das schon so klar sagen?"
"Weil ich dich nicht kenne, meinst du?"
"Ja."
"Dein Begehren ist asymmetrisch. Du begehrst etwas, von dem du glaubst, dass ich es habe. Ich hab aber kein Verlangen nach dem, was du mir zeigst. Ich begehre deinen Körper nicht. Ich habe mich nicht in dich verliebt. Ich will nicht mit dir schlafen."
"Und wieso redest du dann mit mir? Du könntest mir doch auch einfach nicht antworten."
"Antworte ich dir?"
"Wir haben lange geredet!"
"Hast du mir dabei zugehört? Hast du verstanden, was ich gesagt habe?"
"Ja. Ich glaube schon."
"Was sage ich dir denn?"
"Du... du sagst mir nichts. Wären es Verhandlungen, die wir über etwas führen, du würdest zurückgelehnt am Ende des Tisches sitzen und mir ein gutes Gefühl geben, während ich mich zum Hampelmann mache. Würdest Dinge sagen, die ich als Zugeständnisse verstehe, die aber keine sind."
"Ich verkaufe aber nichts."
"Du gibst auch nicht viel."
"Du lässt mir keinen Raum, um etwas zu geben. Du nimmst so viel, ohne abzuwarten, was du bekommst.
Und wenn ich dir etwas gebe, dann verschlingst du es sofort. Du schlingst es herunter und verlangst nach mehr und mehr und mehr. Wenn ich dir etwas gebe, feuert es für eine Sekunde deinen Hochofen an, und dann glüht er wieder, verzehrend und rücksichtslos. Was soll ich dir geben? Du hast doch nichts davon. Du verschlingst nur alles. Du kannst nichts genießen, was passiert, und kannst nichts annehmen, weil du es sofort verbraucht hast. Du willst immer nur mehr und mehr und mehr und hast am Ende gar nichts."
"Aber wieso gibst du mir dann das wenige?"
"Du verstehst das falsch. Ich gebe dir gar nichts. Du saugst alle Radiowellen, die von mir ausgehen, auf, und glaubst, sie waren geheime Botschaften an dich. Du glaubst, dass ich mit dir rede. Du hörst gar nicht, was ich sage. Du nimmst und nimmst an. Die Basis dafür ist nur deine Projektion. Es hat nichts mit mir zu tun, was du machst. Und es hat nichts mit dir zu tun, was ich mache."
"Ist das eine Entscheidung?"
"Du nimmst mir die Entscheidung ab. Du handelst, als hätte ich entschieden. Ich brauche mich nicht entscheiden, wenn du das schon für mich gemacht hast."
"Ich will nicht so sein."
"Dann ändere dich. Aber du musst wissen, dass das wieder nichts mit mir zu tun hat. Du änderst dich vielleicht, ja, vielleicht ja wirklich, aber deswegen werde ich dich nicht attraktiv finden. Du hast den Moment überschritten, wo ich mich auf dich einlassen wollte."
"Die Zeit ist weiter gezogen?"
"Die Zeit zieht immer weiter"
"Ich hab dich verloren."
"Du hast mich nie gehabt."
"Hätte ich dich interessieren können? Zu irgendeinem Zeitpunkt?"
"Du bist vielleicht ein Idiot. Wir haben vielleicht vier Stunden geredet. Was für einen Zeitpunkt meinst du? Als ich dich zum Abschied auf die Wange küssen wollte, und du verklemmt zusammengezuckt bist?

Du interessierst mich, aber du ziehst Schlüsse und Aktionen daraus, und das ist nicht fair. Du lässt mich nicht ich sein. Du lässt mich nicht deine Projektionen abbauen, sollte ich das überhaupt wollen. Und ich habe überhaupt keine Lust, dir deine Projektionen abzubauen."
"Würdest du das wollen?"
lacht. "Deine Projektionen abbauen? Wozu? Warum sollte ich das wollen?"
"Ich weiß es nicht."

Jonas wachte auf. Es war mitten in der Nacht. Er sprang blind aus dem Bett, stürzte zum Tisch. Er kramte nach einem Stift, nach Papier. Er kritzelte mit zitternder Hand auf den Zettel. Nie gehabt. Attraktiv. Überschritten. Er legte sich wieder ins Bett.

Am nächsten Morgen hatte er keine Ahnung, was die Wörter bedeuteten. Nur Vanessa spukte noch in seinem Kopf, als er die Laudes aufschlug.

Klingeln.

Am Ende eines langen Tages genoss der erschöpfte Herr Hrgmpf ein Bier auf dem Balkon seiner Mezzaninwohnung. Die Baustellen verstummten nach und nach, die Mauersegler schwirbelten hungrig durch die Luft, als verlange die Stadt keine Steuer von ihnen, die brennend ungnädige Sommersonne zeigte sich von der der langen Quälerei der U-Bahn-BenutzerInnen ermattet und fast altersmild, so dass die 32 Grad im Schatten, verglichen mit den Saharatemparaturen des Tages fast schon erträglich wirkten, wenigstens, wenn man ein Bier in der Hand hat, das den Tag im Kühlschrank verbracht hat, in welchem man es sich ja auch selbst gerne bequem gemacht hätte, wenn auf Nichterscheinen am Arbeitsplatz nicht eine Kündigung gedroht hätte. So galt es also, den Arsch unwiederbringlich auf einem ergonomisch getüftelten Bürostuhl neidvoll an ein Freibad denken und auf Feierabend warten zu lassen. Nun, Freitag Abends, alle Unwichtigkeiten entweder erledigt oder ihnen gekonnt ausgewichen, konnte kaum noch etwas die Idylle der grauen Häuserfassaden trüben. Eine Straßenbahn ratterte über das, was die Baustelle von den Schienen übrig gelassen hatte und spuckte ihre Innereien an den Haltestellen auf die Straße, manche mit Taschen, andere mit Rucksäcken, einige mit Einkaufssackerln, alle, vom Sommertag gezeichnet, grauslich vor der Station verlaufend wie eine der Schwerkraft geopferte Kugel Vanilleeis. Sie flossen in Häuser, in Seitengassen, in Banken und Supermärkte, navigierten an Fahrrädern und Autos vorbei, und taten, als hätte das Leben für sie einen Sinn, einen Auftrag, eine Einkaufsliste, dessen/deren Erfüllung, Erledigung, Abhakelung noch als Draufgabe auf den eh schon im sauheißen oder, dank Wundern der Technik, saukalten Büro verschissenen Tag tiefere Weisheit und sexuelle Befriedigung als Belohnung verspräche. Da freute sich Herr Hrgmpf, nahm noch einen Schluck und schloss die Augen. Hier und dort bohrte oder dröhnte es noch, hupte es, rief es, klingelte es und Mauerseglergeräuschte es. Moment, klingelte es? Ja, an der Tür, und schon wieder. Sein Bier auf dem Tischchen stehen lassend arbeitete er sich durch das Luftdickicht zum Flur, drehte noch einmal kurz um, um eine Hose überzuziehen, atmete tief ein und öffnete. Niemand an der Tür, außer dem erhitzten Herrn Hrgmpf. Zurück zum Balkon, den Alltag abkühlen lassen. Keine Störungen wünschend lehnte er sich auf seinem Stuhl, von Seufzen begleitet, zurück, nahm noch einen Schluck und schloss die Augen. Ein Vogelruf, ein Hup- und Fluchkonzert, gleich um die Ecke, eine Altglasentleerung, ein Klingeln. Verdammt nochmal, dachte Hrgmpf, kämpfte sich durch die Luft der Wohnung, wirbelte Wärme auf und fühlte sich gestört, öffnete die Türe und: Niemand. Er horchte, leise atmend, ob da vielleicht jemand seinen/ihren Streich durch Schritte der Flucht auf der Treppe entlarvt, doch bloß ein kalter Hauch, durch alte Mauern dem Sommerbrennen standgehalten, legte sich auf seine verschwitzte Stirn. Hallo? fragte er. Ist da jemand? Nichts. Kurz überlegend, ob er sich mit seinem Bier nicht in die angenehme Kühle setzen sollte, statt sich wieder in die-und der Hitze auszu-setzen, beschloss er, dass ihm so ein warmer Abend dann in einem halben Jahr, wenn wieder gnadenloser Winter den gnadenlosen Sommer abgelöst hat, fehlen wird. Er warf die Tür zu, um noch etwas von der kühlen Luft hineinzukomplimentieren, schwurbelte formlos zurück auf den Balkon, lehnte sich schluckend zurück und schloss die Augen. Der sanfte Lärm lud zum Nachdenken ein, irgendwie ergab das kakophone Herumgemensche auf der Straße eine angenehme Kulisse zum Dösen ab. Vom Bier unterstützt schnorchelte sich Herr Hrgmpf in einen leichten Schlaf. Da redeten viele auf ihn ein, das Wetter zu heiß, zu heiß, Willst du eigentlich noch weiter nein eigentlich ich würd gern schlafen oder Urlaub machen. Trotz all der unterschiedlichen Fips-, Dröhn-, Srrii- und Hupgeräusche verpasste er aber nicht das Klingeln, dass ihn jäh aus dem Traum holte und zur Tür lockte. Geh scheißen, dachte er bei sich, und schloss die Augen wieder. Doch ignorieren, das war zu viel verlangt. Nochmal klingelte es. Und noch ein Mal. Hrgmpf blieb stur. So auch, wer auch immer die Klingel so penetrant betätigte. Hrgmpf nahm noch einen Schluck Bier, von dem man eine angenehme Trinktemperatur nur noch erahnen konnte. In unregelmäßigen Abständen ging das Klingeln noch bis in die Nacht hinein weiter. Irgendwann hörte es auf, und Herr Hrgmpf konnte schlafen. Bis ihn, des Morgens, die ersten Baustellen aus dem verschwitzten Bettzeug kommandierten. Aber heute gehe ich schwimmen, schwor sich Hrgmpf.

Aufzug

Natürlich bleibt der Aufzug, jahrelang ohne Ausfälle, genau dann stecken, wenn er dadurch sie festsetzen kann. Er weiß um ihren Narzissmus und fügt sich ihm nur zu gerne. Nichts da, hiergeblieben. Wenigstens nicht klaustrophobisch. Der Dame neben ihr steigt schon kalter Schweiß die Poren hinauf. Ich sag doch immer, Stiegen gehen, denkt sie sich, wieso mach ich es nie? Aufzüge sind lasterhafte Lastenträger, oder doch ein lastentragendes Laster? Laster lassen sich leichter tragen, im Aufzug, verbringt ihr Hirn ihre Zeit, fast so schlimm wie Rolltreppen, wenn sie alle auch nicht mithalten können mit diesen Dingern am Flughafen. Kein Haus sollte so hoch sein, dass es eines Aufzugs bedürfte. Aber was ist mit gehbehinderten Menschen? Na dann aber nur Behinderten-Aufzüge, mit Schlüssel? Das ist auch wieder diskriminierend. Aber wer laufen kann, soll laufen! Vielleicht gibt das Schicksal dann doch mal gerne einen Wink mit dem Zaunpfahl, indem eben ein Lift stecken bleibt. Aber wenn dann jemand im Rollstuhl im Aufzug stecken bliebe? Doch das Pamphletisieren und Grübeln hilft weder der schon grün anlaufenden, auch wenn diese ihre Contenance sonst geschult bewahrt bzw. ihre Reize eingetrichtert unterdrückt, noch ihr. Na, drücken wir mal den Notfallknopf. Keine Antwort. Ist heute unser Glückstag, versucht die eine einen Witz, der der anderen gar nicht schmeckt - wie auch, in ihr staut sich das Mittagessen für einen One-Way-Betriebsausflug. Kreidenbleiche schiebt sich über ihr Gesicht, als sie zu hyperventilieren beginnt. Ganz ruhig, atmen Sie langsam, meint sie ihr gut zuzureden, dringt aber nicht durch die Angstmauer, die gerade mit Panik verfugt wird. Da steht eine Telefonnummer, ich rufe die jetzt an, ja? Wir sind gleich hier raus. Bleiben Sie ruhig. Nichts davon dringt durch, was sie als Nicken versteht ist eigentlich nur nervöses Zucken. Dennoch nimmt sie ihr Telefon und wählt den angegebenen Notruf. 24/7 steht daneben. M-hm. Be-setzt. Nochmal. Besetzt. Nochmal. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Komisch. Aber die Feuerwehr möchte man dann auch nicht stören/bemühen. Nochmal den Notrufknopf. Nochmal die Notrufnummer. Kein Anschluss. Langsam wird auch ihr etwas mulmig. Dann doch die Feuerwehr. Akku leer. Scheiß Smartphones! Haben Sie ein Telefon? Kann. Ich. Mir. Kurz. Ihr. Te-le-fon. Aus-. Borgen.? Hallo? Das war zuviel. Zu viel Druck in der engen Kammer. Sie steht auf, greigt in ihre Tasche, hält kurz inne und kotzt ihr Mittagessen aus, quer über alles. Scheiße! ruft sie überrascht und springt zurück, gegen die Wand stößt ihr Kopf, bedrohlich wackelt die Kabine. Pendelt hin und her. Kommt nicht zur Ruhe. Pendelt. Sie, angekotzt und jetzt vielleicht auch berechtigt panisch, schreit jetzt. Dann hört man uns vielleicht, denkt die andere einerseits, hält andererseits den Lärm nicht gut aus. Trotz Wegspringens hat ihre Hose etwas Kantinenfraß vorverdaut abbekommen. Viel Platz gibt es für den Gestank ja nicht einzunehmen, und sehr schnell ist er damit also auch fertig. Während die eine nunmehr heulend und auf endzeitliches Moll gestimmt am Boden hockt, greift die andere missmutig aber hoffnungsvoll in die Tasche der Entleerten, leert sie (die Tasche) wiederum auf den Teil des Bodens, der noch halbwegs sauber ist. Tatsächlich, ein Telefon. Aber ausgeschaltet! Und wie lautet die PIN? Nur Wimmern. Die PIN! Vom Telefon! Ein Schluchzen, keine Antwort, bricht das Wimmern. Da schüttelt sie sie an der Schulter, Die PIN! Die PIN! DIE PIN! Doch nichts hilfreiches, nur ein Schrei Lass mich in Ruhe! Kann sie doch was sagen, jetzt erst recht, ein neuer Ansatz, aber mit Vernunft. Wir wollen beide hier raus, aber dazu brauche ich Ihr Telefon; In meiner Tasche; Ja, ich habe es schon gefunden. Aber die Geheimnummer brauche ich auch; weiß nicht. Weiß ich nicht. Weiß…nicht; Sie schüttelt dabei heftig den Kopf, Weiß…nicht; Aber wie schalte ich es dann an?; In meiner Tasche, Nummer, Tasche; In Ihrer Tasche?; Tasche; In Ihrer Tasche also? Was liegt denn da, Geldbörse, Tampons, Schreibzeug, lauter Scheiß und keine PIN! Wo in Ihrer Tasche?; Nummer; Ja, wo?; Tasche; Das ist zum Verzweifeln; Jaaa…, das in Heulen endet. Wieso muss das so stinken, fragt sie sich zwischendurch immer wieder, es sei repräsentativ jetzt erwähnt. Was ist denn nun dein Code? fragt sie nochmal. Eins Drei Zwei Vier.; Nicht Ihr Ernst, oder? Schnell probieren! Doch ihr Ernst. So ein blöder Code! Aber jetzt, Feuerwehr. Hebt keiner ab. Geh bitte, das ist och nicht möglich. Nochmal. Keiner hebt ab. Nochmal den Notdienst. Vergiss es. Die reguläre Nummer. Hebt keiner ab. Jetzt reißt der angekotzte Geduldsfaden. Sie schreit, die andere heult, die eine sitzt, sie tritt gegen die Tür, hilft nichts, es wackelt nur wieder ein bisschen, jetzt schlägt sie mit beiden Fäusten gegen das Metall, vorhersehbar metallisch dröhnt es zurück, kleine Dellen bilden sich zwar unter Fäusten und Schuh, werden auch tiefer, helfen aber auch nicht. Ein Versuch noch mit Kampfschrei, dann setzt sie sich auf den Boden, der ekelerregenden Masse einen Moment zu lang nicht gewahr, oder vielleicht nur in situationsbedingter Erschöpfung ignorant, es ist ja auch eigentlih egal, man kann alles waschen, und stinken tut es hier sowieso. Aber die Konsistenz! Wah. Die eine keucht, die andere schluchzt, beide wissen, dass sie festsitzen, und doch unterscheidet sie der jeweils antizipierte Ausgang des Szenarios einerseits und die Art des Umgangs damit so sehr... Plötzlich ein Klopfen, dann ein Knacken, von außen, aber keine Kommunikation, mehr wie ein Heizungsrohr, dass im Winter knackt, knackt, knackt, KNALLT! Die Kabine wackelt wieder, stärker als davor, weiter das Klopfen, weiter das Knacken, weiter das Wackeln, ein Aufheulen, ein Aufschreien, die andere steht auf, stemmt sich in die Türe, schreit Hilfe! Hilfe! Hilfe!, versucht, die Tür aufzuzerren, nichts da, noch ein Knall, Wieviel, wieviele Seile halten so einen Aufzug?! Das Telefon, der Notdienst, auch wenn es nichts mehr bringt, Hilfe!, voll Angst klopft sie gegen die Türe, es wackelt noch mehr, dann hört das Knacken auf. Oder? Sie braucht eine Zeit, um sich zu vergewissern, ihr Herz schlägt so laut, dass sie ohne Finger anzulegen ihren eigenen Puls messen kann, vielleicht missversteht sie die Geräusche, tief durch, tief durchatmen, tief tief durchatmen, Sie setzt sich nicht nochmal hin, sagt sie sich, Noch immer liegt die andere am Boden kauernd, unansprechbar, und hat nocheinmal gekotzt, langsam wird auch ihr übel von dem Gestank und der Situation. Wo liegt das Telefon? Jetzt möchte sie es noch einmal probieren, einfach irgendjemanden anrufen, aber da sind keine Nummern im Telefon, und zwar keine einzige, sie hat NICHTS eingespeichert! Nichts! Sie überlegt, welche Telefonnummern weiß sie auswendig, keine natürlich. Sie schaltet ihr eigenes Telefon noch einmal an, vielleicht ist genug Saft fürs Adressbuch nur kurz, bitte…bitte…Vergebens. Willkommen und Akku entladen!, sonst nichts, und aus. Nochmal und wieder nichts. Nochmal den Notruf. Bitte… Bitte komm! Es klingelt! Ja! Es klingelt endlich!

Warteposition

Wieder weicht sie seinem Kuss aus. Wie penetrant er sich an sie klettet. Es ist doch so offensichtlich, dass sie von ihm keine Nähe - eigentlich überhaupt nichts - will. Ihre Körpersprache spricht neongelb hinterlegtes Hochdeutsch mit Betonungsstrichen, ihn kümmert das wenig. Er wird sich kein Ende einreden lassen von ihr. Sie wird ihm das Herz gebrochen haben, das wird er später erzählen. Völlig unerwartet. Die Weiber sind auch alle gleich. Wird er bestätigt sehen. Dabei sagt sie doch alles, was man sagen muss, er hört nur nicht zu. Sie sagt so deutlich "eigentlich: nein", sie traut sich natürlich nicht, den Mund aufmachen. Ist auch besser für ihn, sonst bricht ihm noch das Herz. Er ist ja eh nett, aber so eine Klette! Sie fühlt sich schuldig, weil er doch so sehr verliebt ist. Liebe ist wie ein Brief vom Finanzamt. Und aus Angst vor seinen verletzten Gefühlen und weil sie ja ihre eigentlich eh nicht runterschluckt, aber er von ihr wenig mitbekommt außer dem, was er sich holt, küsst sie ihn dann, umschlingt ihn und hält ihn und klammert: mit etwa einem Zentimeter Distanz. Tatsächlich, ein Psychologieskriptum hat locker zwischen ihrem Bauch und seinem Bauch Platz, das merkt er aber garnicht. Fröhlich wie ein beachteter Hund geht er vielmehr zum Gegenangriff über. Liebe ist wie eine Partie Schach. Als er sich am Zug sieht, zieht sie sich wieder zurück hinter die Bauern ihrer wahren Gefühle. Hin und her plänkelt es so, ohne Rücksicht oder Aufmerksamkeit für- oder aufeinander. Und würde er sagen "Ich liebe dich", was könnte sie antworten, außer "Mhm".

Bakery Rising

Eine kleine Bäckerei. Hinter der mit Brot und Brötchen gefüllten Theke steht der/die VerkäuferIn und bedient die Kundschaft. Person 1 (Sorry ist keine gute Rolle, könnte man Sofia Coppola geben) geht mit einem Papiersack in der Hand, der wohl Brot enthält, aus dem Geschäft hinaus. Person 2 betritt den Laden.

VerkäuferIn: Bitteschön, wer bekommt?
Person 2: So eines von denen da vorne, bitte, ja das. Und einen Kaffee mit Sojamilch.
V:  Ich habe etwas ganz anderes gefragt.
P2: Wie bitte?
V: Ich habe nicht gefragt, was Sie haben wollen, sondern wer bekommt.
P2: Also. Nun, ich.
V: Wer sagt das?
P2: Na hören Sie mal!
V: Wer sagt, dass sie bekommen? Sie bekommen doch gerade gar nichts! War Ihre Annahme vielleicht doch etwas voreilig?
P2: Bitte geben Sie mir einfach mein Brötchen.
V: Sie brauchen hier nicht herumbetteln. Sie bekommen Ihr Brötchen schon noch.
P2: Ich möchte Ihren Vorgesetzten sprechen.
V: Vor mir sitzt niemand.
P2: Ich will einen Kaffee mit Sojamilch und ein Brötchen.
V: Wollen Sie das? Sie haben noch immer nicht meine Frage beantwortet. Wer bekommt?
P2: Na wenn Sie so weiter machen, niemand! Sehen Sie die Schlange hinter mir?
V: Wer bekommt?
P2: Ich. Bitte. Geben Sie mir doch einfach irgendwas!
V: Ich dachte, Sie wollten ein Karmutbrötchen, von da vorne. Und einen Sojakaffee.
P2: Ja. Aber Sie geben ihn mir ja nicht!
V: Also ändern Sie so Ihre Meinung so schnell?
P2: Geben Sie mir doch was Sie wollen, aber zügig!
V: Wenn Ihnen das so schnell egal ist, dann können Sie doch auch Ihre Meinung bezüglich meiner Frage geändert haben. Vielleicht bekommen Sie deswegen nicht? Weil Sie kein Interesse daran haben, zu bekommen. Sie wollen eigentlich nur - ja, was wollen Sie eigentlich?
P2: In die Arbeit, und zwar pünktlich, und mit einem Brötchen und mit einem Kaffee mit…
V: …mit Sojamilch, ja. Aber wozu? Sind sie so ein glückliches Reh, dass Sie nur ihr Futter brauchen und das war’s? Wenn ich Ihnen ein Brötchen gebe, kommen Sie dann jeden Tag wieder hier her für ein lausiges Stück Backware? Da werden Sie ja niemals selbstständig!
P2: Deswegen zahle ich doch dafür! Weil ich nicht selber backen will! Sie maßen sich an, meinen Platz in der Gesellschaft zu hinterfragen
V: Nein, nur Ihren Platz in der Schlange. In der Nahrungskette, sozusagen!
P2: Soll ich Jemandem den Vortritt lassen, ist es das?
V: Ich bitte Sie. Was soll das denn bringen? Sie kämen nur als nächstes ja doch nur wieder zu mir, und wieder stünden wir hier. Wem nutzt das?
P2: Der Person, die dann ihren Tag weitergehen kann!
Person 3: Ach lassen Sie nur, ich hab’s nicht besonders eilig.
V: Na dann! Wer bekommt?
P2: Ich!
V: Wie heißt das Zauberwort? Daran denken Sie garnicht! Guter Anzug macht wohl noch keine guten Manieren, aber was rede ich, Ihr Anzug sieht nicht besonders gut aus.
P2: Hören Sie mal! Wissen Sie, was der gekostet hat?
V: Ein „Bitte“?
P2: Weit mehr!
V: Ein „Bitte“ ist nicht inflationsgebunden.
P2: Was soll das heißen?
V: Es verliert nicht an Wert. Sie können es auch nachher sagen, es macht keinen Unterschied ob Sie sagen „Bitte ein Brötchen“ oder „Ein Brötchen, bitte“.
P2: Wieso?
V: Weil Sie so oder so keines bekommen hätten.
P2: Ich gehe jetzt.
V: Ohne Kaffee? werden die KollegInnen Sie dann denn aushalten?
P2: Nein! Unausstehlich werde ich sein, dank Ihrer Scharade hier!
V: Schön, jetzt haben Sie ein dankbares Feindbild.
P2: Aber kein Brötchen und keinen Kaffee! Danke!
V: Gerne. Auf Wiedersehen!
P2: Ich glaube nicht!
P2 ab
V: Bitteschön, wer bekommt?
P3: Einen „Gestaubten Wecken“ bitte.
V: Bittesehr, darf es sonst noch etwas sein?
P3: Nein danke, das ist alles. Hier, ich hab’s genau.
P3 ab
P2 stürmt herein: Wieso ging das so schnell und bei mir gar nicht?!
V: Sie haben meine Frage nicht beantwortet.
P2: Doch! Ich habe Ihre Frage sehr wohl beantwortet!
V: Ich glaube nicht, dass Sie das beurteilen können.
P2: Sehr wohl kann ich das! Ich wollte ein Brötchen und einen Kaffee und habe das klar und deutlich gesagt! Der Person nach mir haben Sie einfach gegeben, was Sie wollte! Wieso nicht mir?!
V: Bitte, Sie halten den Betrieb auf. Was bekommen Sie denn?
P2: Ein Brötchen und einen Kaffee mit Sojamilch! Bitte!
V: Nein, so geht das nicht.
P2: Wieso denn jetzt schon wieder nicht?
V: „Bitte“ müssen Sie schon vorher sagen. Sonst zählt das nicht!
P2: Gerade eben haben Sie gesagt „Bitte“ sei nicht inflationär!“ Also bitte!
V: Von Vorne!
P2: BITTE. EIN. BRÖTCHEN. UND. EINEN. KAFFEE.!
V: Mit normaler Milch?
P2: MIT SOJAMILCH!
V: Sie sind emotional. Bitte kommen Sie später wieder.
P2: Ich werde mich beschweren über Sie.
V: Wenn man Sie dort versteht, mit ihrer absurden Satzstellung.
P2: Was soll das denn heißen?
V: Glauben Sie, man merkt das nicht? Allein in zehn Minuten haben Sie jedem hier schlechte Laune gemacht und mir sogar gesagt, Sie werden dies mit voller Absicht in Ihrer Arbeit fortsetzen! Und ich soll Ihnen noch Brötchen und Kaffee dafür geben!
P2: Ich gehe jetzt. Ich lasse mich von Ihnen nicht länger beleidigen.
V: Ich kann Sie nicht gehen lassen.
V kommt hinter der Theke hervor und sperrt die Türe ab.
V: Jetzt ist es vorbei. Ich bringe Ihnen Ihr Brötchen.
P2: Lassen Sie mich hinaus! Auf der Stelle!
V: Nein. Sie sind in keinem Zustand. Sie essen jetzt ein Brötchen und trinken Ihren Kaffee, sonst granteln Sie noch die ganze Stadt voll.
P2: Raus! Ich will hier raus!
V: Sie sind aber nicht dran!
P2 tritt gegen die Türe
V: Bitte lassen Sie das. Wem nützt das? Niemandem. Hier, Ihr Kaffee.
P2 schlägt V den Becher aus der Hand.
V: Na aber hallo! So eine Aggression! Und Sie wollten in einem Büro arbeiten! Holzfällen sollten Sie, oder Polizist werden! Da können Sie Widerstandslose und Wehrlose verknüppeln und umstoßen!
P2 stößt V um, tritt auf V ein. Dann nimmt P2 die Schlüssel von V und sperrt die Türe auf. P2 ab.
V: Das Brötchen! Sie haben das Brötchen vergessen!



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Vernissage

Gefüttert von einer Attitüde, die Luxus anmuten lässt und schlechter Geschmack schreit, bohrte sich zuversichtlich ein Eindruck herablassender Missbilligung in ihr guthäusiges Fremdbild. Der, der dieses Bild in seinem Kopf weniger malte, als von den Ereignissen gestalten ließ, verlagerte sein Gewicht von Innen- auf Außenriss, drehte die Augen kurz in den befreienden freien Raum hinter der groß Maulenden, und kippte sein Glas in einem ambitionierten Zug. Wer spricht so? Wer zeigt solche Eigenschaften, und vermittelt dabei so unbeholfen den Eindruck von Überlegenheit? Und wo könnte er lernen, das gleiche zu tun, nur besser? Die Plattitüden flossen weiterhin aus ihrem Goldmund, der bei jeder Silbe mitschwingen ließ, noch nie Hunger gekannt zu haben, nie Wartezeit und auch nie: Rast. Rast ist der Freund der Armut, könnte ihr Leitspruch sein, mutmaßte er. Sie schenkte ihre Ansichten weiter aus, als eine Servierdame – er hatte bei kurzem Flirt ihren Namen schon herausgefunden: Sandra – herbeigefräuleint wurde, um die leeren Sektkelche zu füllen. Da platzte es aus ihm heraus, Sandra, lass bitte gleich die Flasche da, ich vermute, ich brauch sie hier noch. Der Rufadel zeigte Missbilligung durch eine so subtile Geste, dass sie nur Internatsleitungen und Tanzschulgründer_innen ins Gesicht gesprungen wäre. Ja, man muss sich betrinken, um diese Feier zu ertragen. Sandra aber kicherte nur, wissend, verschwörerisch, ohne den Erträglichmacher und seine schwere Hülle auf dem Bistrotischchen, um das sie standen, zurückzulassen. Hatte er gescherzt? Nein! Im Kopf der Schnöselin formte sich der Gedanke, sicher kein Trinkgeld zu geben — wer so kichert, der hat’s wohl schon gut genug — eine sinnlose Überlegung, da die Getränke schon von der Galerie bezahlt waren. Was hielt ihn denn, außer vielleicht die gute, wenn auch nervende Unterhaltung, die die Person darstellte? Plaudere sie doch, das Zuhören war ihm weder Anliegen noch ernste Last. Es war das Ungesagt, das plakativ Demonstrierte, was ihm die gleichzeitige Präsenz mit ihr schmacklos machte. Er kippte ein weiteres Glas, während sie zwei mal nippte, danach richtete er sich auf, sah ihr tief in die blau! geschminkten Augen und sagte in das Gesicht, dem jeder Test die Hunderasse Pom Pom oder Mops ans angesteinerte Herz gelegt hätte: „Du, es tut mir leid. Ich glaub mit uns zweien wird’s heut Nacht nichts mehr“, und ging. Verdutzt und überlegend, ob das strafrechtlich relevant war, kippte sie ihr Glas und fräuleinte sich ein nächstes. Stehen blieb sie jedoch alleine.

Der Witwer

Die Kinder wollten dem Sarg noch beim Sinken zusehen, und wieso auch nicht. Sie fühlten sich nicht traurig, sie hatten nicht so den Bezug. Sie waren hauptsächlich neugierig. Die Sargträger wollten endlich nach Hause, aber aus irgendeinem Grund dürfen Kinder nicht sehen, wie die Erde auf den Sarg geschüttet wird. Deswegen müssen die Sargträger warten, bis die Kinder weg sind. Die Kinder aber wollten sehen, wie der Sarg begraben wird. Sie sind schließlich zu einem Begräbnis gekommen. Das war Betrug. Bis jetzt war nicht mehr passiert, als dass eine Holzkiste in ein Loch versenkt wurde. Wo war der Begraben-Teil der Sache? Pattsituation. Alles ließ einen Film vermuten, eine unaussprechliche Leichtigkeit hing über der Schwere des Anlasses. Niemand wollte die Kinder zu recht weisen, und wieso auch. Der Witwer war schon voraus gegangen, er hatte der Toten nichts mehr zu sagen, doch, noch so viel, aber nicht jetzt. Nicht hier. Ein Tisch war reserviert. Es war Zeit, betrunken zu werden. Mit dem Trommeln der Klümpchen und Steinchen auf den zwei Meter vertieften Deckel im Hintergrund, spielten die Kinder Prozession. Das hätten sie gerne gesehen. Die Tante war immer so hübsch.
Angehörige, Freunde und Bekannte füllten die Sessel und hielten einen Kellner und eine Kellnerin an, Gläser zu füllen. Ein junger Erwachsener, dessen erstes Begräbnis das war, wusste nicht, dass der Witwer die Rechnung bezahlt, und bestellte daher nur ein kleines Bier, die Preise sind etwas hoch.
Die Kinder hatten ihren eigenen Tisch, sie haben fast ein bisschen zu viel Spaß, dachten sich einige, aber sie sagten nichts, sie wollen den Kindern die Angst vor dem Tod nicht einpflanzen, und wieso auch, wenn sie ihr doch schon so lange entkommen konnten. Woher man schwarze Anzüge in dieser Größe bekommt, und wieso man so etwas bezahlen sollte, fragten sich wenige. So oft stirbt doch auch niemand. Das Trinken lockerte, Runde für Runde, die eng geschnürten Trauergewänder. Bald schlich sich, von den Kindern angeschraubt, ein Scherz in die Erwachsenenrunde. Dann wieder Betretenheit und kurzes Schweigen. Smalltalk füllte die Lücken gekonnt. Wie gelernt schmierten sich die Banalitäten in die kleinen Löcher, die der Sturm von Erdenregen nicht auffüllen konnte. Die Eltern bereuten, dass sie die Kinder kein Spielzeug mitbringen ließen, denn langsam nervten sie mit ihrer Fröhlichkeit. Doch es schien so eine schlechte Idee zu sein, Spielzeug zu einem Begräbnis… Zur Rettung wies eine Kellnerin darauf hin, dass es hier Spielzeug gibt, und kam mit ein paar Plastikfiguren und Holzklötzen zurück. Langsam lösten sich die Sakkos von den Schultern und wärmten von nun an Sessellehnen. Irgendwo wurden sogar Ärmel hochgekrempelt. Schwer erschüttert waren wenige gewesen. Der Krebs war zwar zu spät diagnostiziert worden, um etwas dagegen zu tun, aber früh genug, um abschließen zu können. Niemand war mehr überrascht, als es geschah, aber alle waren traurig. Zu jung ist man doch immer, wenn es vorbei ist, aber manchmal ist der Zeitpunkt zynisch. Am Hochzeitstag draufgehen, das hätte dann auch wieder nicht sein müssen. "Der Arme. Naja, ihr ist es ja jetzt auch schon egal." Die Kommunikationsdynamik warf den Satz inmitten von Stille, wo er doch dazu vorgesehen war, im Gemurmel unterzugehen. So hatte der Arme ihn aber gehört und war wieder so traurig. Das Schweigen wurde betreten. Kein Abspann erlöste, das Leben ging weiter. Aber ohne sie. Die Kinder spielten mit den Pappdeckeln Erde trommeln. Lockt das eigentlich Regenwürmer an? Psst, jetzt nicht. Eine Runde ging noch. "Wenigstens war gutes Wetter, nichts ist grauslicher als ein Begräbnis bei Regen oder Hitze." – "Ich finde Begräbnisse grundsätzlich nicht so attraktiv." – Die Kommunikationsdynamik fiel auch diesem Satz in den Rücken. Der Witwer kippte sein Glas, stand auf und ging vor die Türe eine Zigarette rauchen. "Was macht man jetzt mit dem anderen Ehering?" Gute Frage. Kein Erwachsener konnte sie beantworten. Den Eltern aber war diese Frage das Schäufelchen zu viel. Sie gingen mit den Kindern kurz nach hinten, und sprachen ernste Wörtchen. Die Kinder fühlten sich schlecht, wussten aber nicht genau wieso. Die Eltern versuchten zu erklären.
Vor der Lokaltüre zündete sich der Witwer die zweite Zigarette an. Neben ihm standen zwei Personen, die sich aus der schwarzen Krawatte nichts zu reimen vermochten, und wieso auch. Sie fragten ihn jedenfalls aber nach einer Zigarette. Klar, er hält ihnen die Schachtel hin. Ob da drin irgendeine Feier wäre, wollte die eine Person wissen. Wegen der Anzüge. Der Witwer wollte eigentlich nichts erklären. Er tat es so einsilbig wie möglich und tat bewusst uninteressiert, um weitere Fragen zu ertränken. Er wäre gerne nicht hier oder jetzt gewesen. Er hätte gerne so viel Zeit wieder zurück gehabt. So viel ungenutzte Zeit, die man gemeinsam verbringen hätte können. Jetzt ist es dafür zu spät. Er hatte irgendwann einmal, noch bevor er verheiratet war, darüber nachgedacht, was wäre, wenn seine Partnerin stirbt. Er kam zu dem Schluss, dass sie zuerst sterben solle. Schließlich wäre es nur Egoismus, würde man dem Partner das Leid der Einsamkeit aufzwingen. Wer tot ist, ist ja nicht mehr einsam. Einsamkeit muss schlimmer sein als Tod. Es war nur so in die Wolken gedacht, aber jetzt schien es ihm, als wäre ein tragischer Wunsch in Erfüllung gegangen. Er konnte sich nicht aufraffen, jetzt auch noch dankbar zu sein. Er drückte die Spitze seines Schuhs auf den glimmenden Filter, rieb sich die wohl bald wund geriebenen Augen ein weiteres Mal und betrat wieder das Lokal, bestellte beim Kellner eine Runde Sekt, um sich bei den Anwesenden zu bedanken und auf seine Frau anzustoßen. Die Kinder bauten ein Haus aus Holzklötzen, sie waren begeistert von dem nicht-elektronischen Spielzeug und gaben, in einer Randbemerkung, den Eltern einen verfrühten Wunsch ans Christkind mit. Die vielen Menschen konnten dem Witwer seine Einsamkeit nicht nehmen, und wieso auch. Das Leben wird weitergehen.

Die Sache mit E

Rechtzeitig zu Ferienbeginn war die Stimmung am Boden. Die Wohngemeinschaft würde bald aufgelöst werden, und während C sich schon vor zwei Wochen verabschiedet hatte – auch von ihrem Müll, der noch immer einen eklatanten Teil des Bodens und der Regale und des Kühlschranks füllte – waren A, B und D damit beschäftigt, sich gegenseitig auf die Palme zu bringen.
Es war ein von Anfang an zum Scheitern verurteiltes Projekt gewesen, die Wohnung war weder für eine WG noch für fünf Personen ausgelegt gewesen, fünf, weil D’s Freund E einen großen Teil seiner Zeit ebenfalls das Refugium als mit seines betrachtet hatte. Trotz mehrmaliger ernster Gespräche von A, B und C mit D über E war D nicht dazu zu bringen, E zu sagen, dass das so nicht ginge, dass er hier und da mal einen Einkauf übernahm und die anderen bekochte, aber ja an heißem Wasser zum Duschen und Heizen und knapper Zeit in Dusche und WC mitnaschte, so dass von den wertvollen, weil bezahlten Gütern den anderen um so weniger übrig blieb. D hatte natürlich eine andere Sicht der Dinge, E war ein Gast, und wenn D dadurch auch noch sexuelle Befriedigung bekam – und das war, unüberhörbar, der Fall – wer war D, sich anzumaßen, E aus der Wohnung zu werfen, in die kalte Welt?
Es sei natürlich D’s Sache, mit wem er sein Bett teile, aber es sei die Sache aller, mit wem alle ihre Gas- und Stromrechnung teilen und, das war A’s größtes Problem, die WLAN-Bandbreite. E nutzte schließlich auch, sehr dankbar, das muss man ihm lassen, die Gelegenheit, über das WG-Netz „WGNETZ“ Filme herunter zu laden. Hätte E seine Dankbarkeit bloß in Erlagscheinen gezeigt!
So wurden die Wochen Monate, und während A, B und C sich darauf verließen, dass D E die Leviten zitieren wird, tat D nichts dergleichen, weil das ja auch eine unglaublich zwickmühlige Situation war. E zeigte seine Dankbarkeit mit gefülltem Kühlschrank, und da ihn niemand fragte, ob er Betriebskostenanteile mitzahlen wolle, war er natürlich auch nicht so blöd, das Thema aufs Tapet zu bringen.
C jedenfalls fühlte sich am meisten durch das nächtliche – und manchmal auch nachmittägliche – Bumpern und Wumpern gestört, weil ihr Zimmer direkt an das von D (und E) angrenzte. Verbittert, weil sie selbst gerne solche Geräusche und Störungen der Nachbarn produziert hätte, klopfte sie regelmäßig an die Wand, was bei E nur zu Verzögerungen und dadurch Verlängerung von C’s Qualen führte.
A und B hatten zu oft nichts gesagt über E’s Macke, die Klotür nicht zuzusperren. A hatte zu oft in der Früh Stress gehabt, weil E (und immer E) gerade im Badezimmer duschte, was A’s Morgenfortschritt erheblich minderte und seine Morgenlaune erheblich senkte. Dass auch D und C und B unter die Dusche wollten, und oft auch (jeweils) darunter waren, wenn A sich das Duschen einbildete oder geplant hatte, wurde ebenfalls auf E projiziert, der so bald für alles verantwortlich war, was in einem Haushalt so schief laufen kann. D hatte sich geweigert, selbst mehr vom Mietanteil zu zahlen, weil E ja in D’s Zimmer war, und dieses nicht relativ zur Wohnung größer wurde durch den Aufenthalt einer weiteren Person, und da die Miete nach Zimmer und Quadratmeter aufgeteilt war, und weil niemand auf die Idee kam, dass man doch die Zimmerquadratmeter und die Wohnzimmer-/Küchen-/Badezimmer-/Kloquadratmeter für die Rechnung trennen könnte, so dass D und E, oder D alleine, wenn er es so wollte, zwei Fünftel statt einem Viertel der gemeinsam genutzten Fläche finanziell zu verantworten hätten, war die Stimmung von Woche zu Woche schlechter geworden, bis eines Tages C die Flinte warf und den Hut nahm und ankündigte, dass sie nun ausziehen wird, weil das so nicht mehr weiter geht und nicht tragbar ist. D fühlte die Zwickmühle schnappen, als C E sagte, dass D doch schon oft genug etwas gesagt hätte, und wenn E nicht kooperieren wollte, das ein ganz unfeiner (sie benutzte ein anderes Wort, das mir gerade entfallen ist) Zug von ihm war. (Scheißdreckszug, das war das Wort.) E wusste nichts von D’s Vorwürfen und D’s Mittlerschaft, woher auch, sie existierte nur in A und B und besonders C’s Kopf, nie aber realiter und nicht in D. E verteidigte sich mit der Tatsache des vollen Kühlschranks und dass doch nie jemand ein Wort gesagt hätte, und dass er natürlich mitzahlen kann, wenn das gewünscht ist. C aber wünschte das nicht mehr, sondern wollte E und am besten auch noch D aus „ihrer“ Wohnung haben. Von jedem kam nur das Schlechte mehr hervor, und letztlich packte E seinen Koffer und ging. D war darüber sehr erbost. Eine Frechheit, schließlich Gast und auch er zahlt mit und überhaupt, C soll mal runterkommen. C dachte jedoch nicht daran.
A hingegen hatte schon lange genug von C’s Art, aber auch alles auf zu bauschen und in Schwärmen von elephantiasischen Mücken durch die sonst so ruhige WG zu scheuchen, so dass am Ende jede nicht abgewaschene Kaffeetasse ein moralisches Dilemma und inakzeptablen Zustand darstellte. Ja, manchmal wurde dieses oder jenes vergessen, aber es war immerhin A, der schon beim Einzug in die ungeeigneten Gemäuer vorgeschlagen hatte, eine Putzfrau zu engagieren, die zur Seelenruh’ und Raumesblänke herbeigerufen und hinfortbezahlt wird, damit das geplante Wohnquartett in Dekadenz und Sauberkeit den guten Dingen des Lebens nachgehen könne. Doch selbst die durch Vier (E hätte wohl nicht mitgezahlt, war zum Zeitpunkt der Überlegungen aber - fataler Weise - auch nicht Teil der Wohngemeinschaft) geteilten Kosten, die ja dementsprechend niedrig ausgefallen wären, waren gerade B und C zu hoch, um ein Outsourcing in Erwägung zu ziehen. B war weniger das Problem, aber wenn C sich nun beschwerte, und sie tat dies gern, oder zumindest so häufig, dass, täte sie es nicht gern, man ihr Masochismus unterstellen könnte, dachte A jedesmal sehnsüchtig an die Zeit zurück, die er zwar nicht erlebt hatte, aber in der der beste Vorschlag ohne Widerrede von uneinsichtigen Idioten übernommen werden musste, und da er seinen Vorschlag als den besten sah, hätte C keinen Grund zum Ärgernis und die Wohnung wäre regelmäßig von Staub befreit, durch eine neutrale, objektive und bezahlte Person.
Doch so war es nicht gekommen, und während A vom Supermarkt geklaute Bananenkisten mit Kleidung füllte, und sich schwor, der nächsten WG eine Reinigungskraft aufzuzwingen, ärgerte sich B, dass C wohl den Fön geklaut hatte, und D ärgerte sich, dass E nicht von selbst auf die Idee gekommen war, sich an den Wohnkosten zu beteiligen.

Wenige Wochen später zog ein Pärchen in der Wohnung ein, und bekam von all diesen Streitereien, Querelen und aufgeblasenen Mücken nichts mehr mit. Sie wunderten sich jedoch, wer in aller Welt seine Wand rot streichen würde, und beschlossen, auf der Fahrt zum Möbelhaus, dass es am Rückweg notwendig wäre, weiße Farbe zu kaufen.

Weihnachtsgeschichte

Das kann doch wohl nicht wahr sein.
Eine Weihnachtsgeschichte schreiben, das ist wie die Regierung gut finden, das ist, mit Verlaub, eine Bankrotterklärung ohne Chance auf Steuergeldrettungsnetze. Weihnachtsgeschichten - genauso wie Weihnachtslieder - die in Stimmung bringen wollen, gibt es nur, weil die Stimmung nicht da ist, und das hat doch einen Grund. Es ist kalt, es ist dunkel, man muss den Feiertag mit denen verbringen, die man das Jahr über meidet, und man muss vor allem mitlaufen, Mitläufer sein. Mangels Thanksgiving ist hier nichts so durchtraditionalisiert, wie Weihnachten. Man muss froh sein, dass die parentalen und parentesparentalen Macken, wenigstens Ausführung - auf die latent schlummernden und manchmal aufbrechenden Indoktrinierungen wollen wir hier nicht auch noch eingehen - auf wenige Jahrestage beschränkt sind, wäre es denn auch so. Doch schon den ganzen Herbst lang tun die übergeschwappten - und zumindest zunächst freudig rezipierten - Perversionen so, als hätten sie familienbindende Existenzberechtigung. Hätte man jahrüber Motivation, Menschen zu überhäufen mit Fressen, Gütern und Zeit, was hindert denn daran, ausgenommen von eventuellen Ozeanen oder Staatsgrenzen? Wieso nicht in der Zeit von 27.-23. Dezember ein braves Kind sein, Schuhe putzen, Zimmer aufräumen, WWF, Greenpeace und der Gruft spenden, Welthunger bekämpfen, Geschenke machen, Tee trinken, die Wohnung schmücken, das Rote Kreuz und Selbsthilfeprojekte unterstützen, behinderte und alte oder kranke Menschen nicht ausgrenzen, und was sonst noch alles gut für den Karmajahresendabschluss ist? Es gibt einen Grund: Menschen sind scheiße. Mit dem Konzept Weihnachten kann man wenigstens für ein paar verlogene Tage der Welt einen verbesserten Schein attestieren, und das ist ja schon ein Anfang. Leider bleibt von diesem Peak wenig bis Ostern übrig, und irgendwann sterben die Großeltern, und mit ihrer verfluchten ungehörten Geschichte früher oder später auch ihre hochgehaltenen durchgekauten Traditionen. Nein, es wird keine Weihnachtsgeschichte geben. Wenigstens mit dieser Tradition wird gebrochen. Und es gibt das ganze Jahr über Gelegenheit, das, weswegen man sich zu Weihnachten ertappt fühlt, zu ändern. Es ist sehr wohl möglich, Traditionen zu brechen. Der Baum muss nicht immer am Boden stehen, die Kekse können ohne Ei und Milch sein, und den Rest des Jahres muss man die Anderen nicht wie der Dreck behandeln, der sie zu einem sind.

Adventmarkt 2

Es ist schon eine sonderbare Sache. Von allen Schrecklichkeiten, die der Platz zwischen Wiener Rathaus und Burgtheater über das Jahr verteilt so bietet an panem et circenses, erschlägt mich jedes Mal aufs neue die konzentrierte Geschmacklosigkeit des Adventsmarktes am heftigsten. Dabei ist diese die vielleicht konsequenteste - das ist wohl das Problem - Veran- und -unstaltung, ist doch wirklich, wie mühsam choreografiert, beinahe alles davon zum Kotzen. Wo der Punscharomageruch gerade nicht Amok läuft ("verbreiten" zu sagen wäre sträfliche Untertreibung), füllt Reformhausdiskontgelüft, geborchen von Krapfenfrittierfett, die kalten Lungen. Und hätte billiges, überteuertes Actionspielzeug einen für uns wahrnehmbaren Eigengeruch, es bräuchte keinen sauren Regen mehr, um die industrialgothischen Verzierungen des Rathauses hinfortzuschmelzen. Auch die Sitte, in den Kolonien - das heißt, den Bundesländern - den ältesten und kräftigsten Baum zu suchen, der ein Jahrhundert weder Wind noch Sturm sich beugte, um ihn zu fällen und als Mahnmal an die Bodenständigkeit am Rathausplatz aufzustellen, scheint mir eher archaisch denn besinnlich.
An diesem Tag, wo ich gedankenlos (ich maße mir an, zu behaupten, sonst ja überhaupt nie dorthin gegangen zu sein) im Rathausplatz wandelte, war meine Laune jedoch - selbstverschuldet - sowieso schon eher schlecht. Zuvor hatte ich schon, und das war wohl einfach Pech, gerade in dieser besinnlichen Zeit eine neue Hose gebraucht und war dafür, und das war wohl nicht bloß Pech, sondern Ignoranz und Idiotie, auf der Mariahilferstraße unterwegs gewesen. Unterwegs, das hat den süßen Klang von Freiheit, von Urlaub fast, und tatsächlich liegt der Realität aber nichts ferner als auch nur der kleinste Hauch positiver Assoziationen.
Wer aufgescheuchte Gnuherden mag, wird Einkaufe auf adventisierten Einkaufsstraßen lieben. Der Rest hingegen, dem Stampeden Kopfschmerzen und Brüche bereiten, wird in Zukunft eher hosenlos durch die Stadt, als Gedankenlos in die Mariahilferstraße schlendern. Ich sage IN, denn ist man einmal in die Straße eingebogen, gibt es kein AUF. Es gibt nur noch MIT. Schlendern, ja, wieder Motionen freiwilliger Natur, gemütlich, gar pausierend: Vergiss es. Die Fortbewegungsgeschwindigkeit entspricht eher einem Castortransport durch eine Grüne Parteizentrale. Alle wollen voran, alle sind im Weg. Ja, die Leute auf der Straße gehen absichtlich so langsam, und a, sie wollen verhindern, dass wir vorwärtskommen. Der Bahn folgend griff ich ins Geschäft geleitet aus dem Augenwinkel quasi nach der ersten, jedoch nicht besten, Hose, denn weder zum Probieren noch zum Stehenbleiben war Platz. Von da an trug ich also ein Papiersäckchen in der Hand, in dem eine Unisexjeans, Größe 22, meine ambitionierten Vorsätze für das neue Jahr sehr optimistisch materialisiert werden ließ. Derart vorbereitet auf den Scrooge der zukünftigen zehn Weihnächte wollte ich es nicht passieren lassen, nüchtern nach Hause zu kommen. So ging ich also, mürrisch und unterkühlt, noch zum Rathausplatz.
Warum nur.
Dennoch, und das war es, was ich eigentlich erzählen wollte, begab sich folgende Szene, die mich den ganzen Trubel und Nippes und Lebkuchenscheiß gar sehr erträglich finden ließ, wenn auch nur für ein kurzes Hoch, das jedoch lang genug anhielt, um den Rest des Tages wieder ein bisschen mehr zu lächeln. Eine Gruppe Idioten, betrunken noch dazu, machte Anstalten, die Stimmung, die herrschte, durch Pöbeleien zu untermauern (bzw. für die meisten vorhandenen wohl zu brechen), um so - so meine Vermutung - Grund zu finden, Irgendwen und -etwas zu schlagen. Rempelnd bewegten sie sich, stinkend tranken sie und lautstark unterhielten sie sich über Themen wie die Figur jeder Frau, sowie die besonderen Merkmale jeder Person, überhaupt. Was man hier Punsch nannte, reicherten sie nicht zu knapp mit einer Flüssigkeit aus einem Flachmann an, hinter der ich eine Mischung aus Testosteron und Charisma-Minus-20-Trank vermutete, die wohl aber Wodka war (sofern man da unterscheiden mag). Wer angerempelt wurde, bekam noch eine Beleidigung, zumindest aber ein forsches "Aufpassen!" mit dazu. Da die Menschendichte es unmöglich machte, sie von weitem zu erspähen, sie selbst aber sich mit der Kontaminierung eines Flecks nicht zufrieden gaben, sondern vielmehr durch nöhlendes Sichfortbewegen ihre Kreise zogen, war es auch schwer, ihnen auszuweichen. Warum bloß war ich hergekommen, fragte ich mich, und das gleiche die Gruppe sich wohl von mir auch, denn wie der Zufall es so wollte, rempelte mich einer der Gruppe an, und sagte: "was machst du denn da mitten im Weg?"
Das wars. Showdown. Ein Tick zuviel für diesen Tag. Es reicht. Ich beschloss, George Carlin im Herzen, mein Leben zur eigenen Unterhaltung hinzugeben, wenn die Welt es denn so wollte. Ich beschloss, meinen Spaß zu haben und sei es zum letzten Mal.
"Das Passwort!", sagte ich gespielt erschrocken.
"Was?", sagte er.
"Ich habe dich gesucht. Du bist zu spät, verdammt!" fuhr ich ihn vorwurfsvoll an.
Der große Betrunkene sah einen Moment verdutzt auf meinen Körper, den ich mich auf einer Intensivstation wiederzufinden innerlich vorbereitete. Jetzt gab es kein zurück. Ich nahm den Papiersack mit der gekaufte Puppenhose, drückte sie ihm an die Brust und sagte "Hier!"
Er starrte mich an. Er nahm die Tasche nicht. Die Verwunderung in seinen Augen schien einer Furcht zu weichen.
"50.000! Kannst nachzählen! Verdammt jetzt NIMM doch endlich!"
Gleich einem Reh, das wartet, dass der Scheinwerfer zuerst blinzelt, stand er da.
"Oh mein Gott", sagte ich, "du bist garnicht..."
Da riss ich die Tasche wieder an mich, und rannte los, drängte mich durch die Massen, ellbogte meinen Weg so weit, bis ich am Ring angekommen mich außer Reichweite fühlte.
Niemand war gestört oder aufmerksam gewesen, ich war am Leben, und das Erinnerungsgold des Raudis Blicks ließ mich noch Tage zehren. Zufrieden legte ich die gestohlene Punschtasse auf die Hose, und stapfte, das warme Leuchten ekelhafter Riten im Rücken, lächelnd nach Hause.

Die Ente

Fest davon überzeugt endlich etwas vernünftiges zu tun, beschloss eine Ente, die Koffer zu packen, das notwendigste mitzunehmen und für immer fortzufliegen. Sie hatte zu viel gesehen, war zu bekannt, und kannte selbst zu viele schon beim Schnabel, um nicht alle Hoffnung, je wohlverdiente Ruhe im Herzen oder wenigstens der Umgebung zu finden, längst aufgegeben zu haben. Kein Teich war so groß, dass sie nicht von jemandem dort angesprochen wurde. "Bist du nicht...?" würden sie sagen, "Nein!" würde sie lügen. "Aber gewiss! Wir trafen uns doch einst bei ..." - weiter würde sie nicht mehr zuhören. Aufflattern, und los! Flucht, nur Flucht im Sinn und in den Federn. So viel gutes Picknickgeschirr musste sie, derart vertrieben, schon zurücklassen. Es war genug. Sie würde es sich nicht mehr gefallen lassen. Nein, sie würde fliegen, über das Meer, über die Sterne, wenn nötig! Bis zum Mond, sollte dieser die Ruhe bieten, die die Plätze hier verwehrten.

[Fortfliegung folgt.]

Ausreden statt Musik

Nach einigem Wandern durch die gefüllten Straßen, unterbrochen durch Sitzen am Kai, redend und erzählend, wie ich zum Kulturpessimisten geworden, durch zu viele schlechte Filme, Musikalben, Kunstgewöhnung, aber auch besprechend, Urlaubsplanung, Bretagne, Krk, beschlossen wir bei gehaltenen Händen, ein Stück Pizza und ein Eis zu holen und zu essen. Trotz Vorwarnungen meinerseits schlenderten wir zurück zu dem Club, dessen Besucheraltersdurchschnitt in den letzten fünf Jahren um fünf Jahre gesunken war, zahlten sogar dafür, dass unsere Handgelenke abgestempelt wurden und setzten uns, nach einer ernüchternden Besichtigung der allzu sehr sichtbaren Tanzfläche, deren Leere nur hie und da von Minderjährigen gebrochen wurde, die tanzten, als ob sie aufs Klo müssten, vor dem Club auf eine der zahlreichen Bänke, wo wir dann Smalltalk mit denen führten, die vor uns schon bei Banke saßen. Kein Bier, obgleich ich keines wollte, konnten wir noch zahlen, das Bare Geld ging alles drauf bei einem Eiskaffee, da gesellte sich ein älterer Mann, graues, langes Haar, Dreitagebart, eine Gitarre unterm Arm, selbige verziert mit Konsumabfall, zu uns, und bot uns an, ein Lied zu spielen, jedoch unter der Voraussetzung, dass er Geld dafür bekäme, drei Euro bräuchte er noch, für Zigaretten, wir hatten sie nicht, was ihn aber nicht davon abhielt, unsere Zeit zu füllen - oder zu vergeuden, je nach dem ob man wir oder das flirtende Pärchen auf der anderen Seite des Tisches, das lieber Ruhe gehabt hätte, oder wenigstens Ruhe gestört von Musik, nicht von Gejammer. Beinahe achtzig Cent waren schon am Tisch, als er immer noch Ausreden suchte, warum er seine Zeit zwar gerne aufwand, um uns vollzulabern, nicht aber, um uns vorzuspielen. Es gipfelte für mich darin, dass er eine Rune und eine Blume auf eine Serviette zeichnete, von der er behauptete, sie - die Zeichnung - sei mindestens 10 Euro wert. Er hatte nicht verstanden, dass wir ihm schon 100 Euro gegeben hätten, hätten wir sie bloß gehabt, nur damit er den Tisch, vielleicht auch das Lokal wechseln würde, jedoch hatten wir weder 100, noch 10, noch 3 Euro, sondern eben 80 Cent. Ich schlug dann vor, dass wir ihm die Zeichnung - von der er sagte, er würde sie uns schenken - überlassen würden, wenn er uns dafür - was auch immer uns geritten hatte - wenigstens etwas vorspielen würde! Als er darauf nicht einstieg, erklärte ich ihm, dass man bei vielen Downloadportalen die ersten dreißig Sekunden eines Songs gratis hören könne, und hier aber schon 80 Cent lagen - als er nicht aufhören wollte, Ausreden zu suchen, beschloss ich, das beste daraus zu machen, und nannte ihn einen, der wohl gar nicht spielen könne, und dessen Rolle darin bestünde, so zu tun, als könnte und wollte er es aber tun, und ich nahm meine 7 Cent wieder aus dem Pool der Kupfermünzen, mit dem Wort, dass es mir jetzt zu blöde sei, für eine nicht erbrachte Kulturleistung zu zahlen, die wahrscheinlich sowieso nur höchstens medioker wäre. Da stampfte er innerlich auf seine Erdgöttin und verließ uns beleidigt. Es war sein Pech, an den personifizierten aufgestauten Frust gegen alle, die Geld für mediokre Leistungen erwarten, mich, gelangt zu sein, und ich hegte tatsächlich keinen Groll, wenngleich er wohl sehr beleidigt schien. Wir hingegen versuchten unser Glück noch einmal im Club, ein letztes Mal, und während die anderen es wohl fanden, war ich nur traurig und küsste bald zum Abschied, am Heimweg dachte ich nach, dass mein Kulturpessimismus mir viele gesellschaftliche Türen verschloss und dafür sorgte, dass die anerkannten Orte des Spaßes und der Unterhaltung mir die Orte der höchsten Unentspanntheit immer waren und auch heute sind. Doch die erste Windmühle war geschlagen, wenngleich der Sieg ein bitterer war.

Meerschweinchen

Der Nachbarn Meerschweine quieken. Vor nicht sehr langer Zeit hatte ich selbst noch Meerschweinchen, dumme Tiere. Sie wurden - daran war ich allerdings schuld und will es ihnen ja nicht anlasten - nie zahm, und litten, sogar, wenn ich ihnen Futter ins Gehege gab - und sie taten nichts lieber, als zu fressen! - unter der existenziell-bedrohlichen Angst einer weltbewussten Ameise vor dem Fuß des Menschen, einer willkürlichen Macht, die sie nicht verstanden, und - hier lag mein erwähntes Verschulden - auch nicht gewohnt waren. Es ist anscheinend so, dass man, wie man einem alten Hund, laut Sprichwort, keine neuen Tricks mehr beibringen kann, Meerschweinchen ab einem gewissen Alter, das ich auf fünf Tage schätze, die Scheu und Androphobie, selbst wenn nie bestätigt oder berechtigt, nicht mehr nehmen kann. Die Zeit jedoch, wo es möglich gewesen wäre, habe ich, dank vollem Terminkalender und mangelnder Selbstdisziplin in desaströser Kombination, verpasst. Wer aber sollte den putzigen Flauschern verdenken, wenn sie sich stoß betend in ihrem Haus verkrochen, die Fenster zubretterten und das Radio aufdrehten? Natürlich wollte ich ihnen nichts böses, selbstverständlich hätten wir gut gemeinsam auskommen können, aber warum mir vertrauen? Weil ich Futter gab? Wie gnädig, nicht verhungern zu lassen. Weil ich das bestriechende Heu besorgte? Woher sollten sie den Unterschied kennen? Sie hatten doch gar kein Bewusstsein dafür, dass es Heu auch gratis im ersten Bezirk gegeben hätte, das grausliche gelbe Zeug, dass Pferde essen müssen, oder, noch schlimmer, schon gegessen haben! Und war das an nostalgisierte Bauernhofurlaube erinnernde Heu nicht auch aus Eigennutz gekauft? Verwahrloste Wohlstandsschweine waren es, und mein Programm konnte sie nicht ansprechen. So war es eines Tages soweit gekommen, dass ich die Tiere, trotz aller Sympathie (meinerseits natürlich), nicht mehr (be-)halten wollte. In ihrem gülden Gehege mangelte es an nichts, sie fraßen vom grünen Heu und Biokarotten, aber in meinen Augen taten sie vor allem zweierlei: lärmen und vegetieren. Ich hatte die Hoffnung nie ganz aufgegeben, dass, nur mit einer regelmäßigen Zuwendung von einer Stunde pro Tag, sie sicher sozialisiert und handzahm geworden wären, aber mir war, nach so vieler fehlgeschlagener Versuche klar, dass sie nie aus meiner Hand fressen würden. Sie würden mit mir den Rest ihres langen Lebens genausowenig Spaß haben, wie - leider - ich mit ihnen mittlerweile hatte. Auf eine Annonce im Netz antwortete eine Frau Doktor mit Kindern, die zu ihren vier Meerschweindamen gern noch mein Pärchen nehmen wollte, und bald holte die Familie meine Haustiere ab. Ich schenkte ihnen den teuren Käfig, der als Refugium im Auslauf diente, und sie verschwanden aus meinem Leben.
Heute, dank dünner Mauern, denke ich zum ersten Mal in langer Zeit an sie. Sie wurden sicher unbenannt, vielleicht sind sie mittlerweile durch Geduld und Zeitaufwand gezähmt, vielleicht können sie schon Apportieren und Agility. So oder so haben sie es jedenfalls jetzt besser, denke ich. Abschied ist eben so eine Sache. Selbst in Momenten, wo er gut ist, ist er selten willkommen.

B und die Nachbarin

Es war schon spät am Abend, B saß an seinem Schreibtisch und überlegte, wie er sich vor der Veranstaltung, die er nicht besuchen wollte, ehrenvoll drücken könnte. Es blieb, ob der fortgeschrittenen Stunde, nur noch der Griff in die Ausredenkiste entweder der "Notfälle" oder der "Katastrophen". Für die angenehmste, "Terminkollisions"-Ausrede oder die "Überbeschäftigung", war es schon zu spät, erstere müsste mindestens ein bis zwei Tage zuvor angewandt werden, zweitere wenigstens wenige Stunden vor Beginn. "Notfälle" können jedenfalls noch während einer Veranstaltung verwendet werden, etwa: "Ich musste in's Krankenhaus, Oma geht's schlecht", Katastrophen sogar bis zu zwei Tage rückwirkend, der Schock einer Katastrophe schließlich verzeiht jede Vergesslichkeit. Im Notfall hingegen sind die Bedürfnisse zur Mitteilung postponiert, auf Karenz quasi, man kommt jedoch in einer freien Minute noch zur Besinnung und erinnert sich, oh nein, die Eröffnung! Verdammt, wäre mein Bruder nicht gestürzt, und auch noch so schlimm, dass das Weichei in ein Krankenhaus wollte, ich wäre gekommen, Fortuna, Tugendhat, seid gnädig meiner Absenz!
Da besagte Veranstaltung vor einer Stunde begonnen hatte, waren eben nur noch diese beiden adäquat. Plötzlich klopfte es an der Türe. B öffnete, seine Nachbarin stand vor ihm.
"Aber hallo", sagte er, "was ist denn los?"
"Die Engel brauche ich, die Engel müssen schützen. Du musst mir helfen, sie zu finden."
Ein Teil von B freute sich, dies war vielleicht der deus ex machina, auf den er gehofft hatte. Nichts ist süßer als eine Notlüge, die die Wahrheit ist. Der andere Teil B's hatte Angst. "Komm herein", bat der erste Teil die Nachbarin. Der zweite hörte zu. Sie setzten sich auf den Boden und sie begann, ihre Tarotkarten zu legen.
"Tot, Tod, tot."
"Na, das fängt ja gut an;" Ein viertes und fünftes Mal fand die Karte mit dem schwarzen Totenschädel den Weg in die Mitte der gelegten Figur. B holte etwas zu trinken, die Nachbarin schrak auf, als B die Sehnsucht als Untersetzer für sein Glas zu verwenden ansetzte.
"Hör mir ja auf, das ist ernst!"
"Todernst! Fünffach!" antwortete er.
"Nein wirklich!"
"Ja, aber du darfst nicht erwarten, dass ich es ernstnehme, auch wenn jemand anderer es sicher ernst meint. Mit der Überzeugung ist es wie mit dem Rebstock, der keinen Wein bringt, er wird zu Feuerholz. Wenn ich diesen Müll nicht glaube, musst du dich geehrt fühlen, dass ich dich nicht anlüge."
"So stellst du dir das vor?"
"Das ist die Bedingung. Du darfst machen, was du willst, solange es mir egal sein darf. Also erzähl, was bringt deine Karten und dich zu mir?"
Sie begann zu erzählen, und mit den Minuten verstummte die zweite Stimme, und auch die erste dachte nicht mehr an den Notfall.
Aber, so dachte B, das ist auch noch gut genug für eine Katastrophe.

Lächeln

Ich habe mir zur Angewohnheit gemacht - nicht werden lassen, denn es war eine freie Entscheidung, und somit kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass es mir nicht passiert ist, sondern ich es gewählt habe - zur Angewohnheit gemacht, auf der Straße alle Menschen freundlich anzulächeln.
Klar, ein jeder von uns lächelt gerne schöne Menschen an, aber ich nahm mir vor, sie alle anzulächeln, jeden einzelnen, in ganz altruistischem Gehabe niemanden auszuschließen aus meiner absurden Lächlerei.
Die nette Dame an der Kassa im Supermarkt, die mich jedes mal um Centbeträge zu bescheißen versucht, ich lächle sie an. Der Mann der dort das Gemüse einschlichtet, ich lächle ihn an. Die Frau, die vor dem Geschäft Hefte über Migrationshintergründe verkaufen möchte, ich lächle sie an - und nicht nur das, auch meine Nachbarn, oder wen auch immer ich auf der Straße treffe, ich lächle ihnen ins Gesicht, und sehe nicht weg, wenn sie mich zurückanstarren. Das kostet natürlich Überwindung, denn der Reflex, von dem ich nicht weiß, woher er kommt, aber den ich vielleicht entweder im zentraleuropäischen Gemüt oder in meiner bürgerlichen Erziehung begründet sehe, ist, so schnell wie möglich in eine andere Richtung zu schauen, ganz so, als hätte ich die Person gar nie erst angesehen. Und auch ganz so, als käme es mir doch nie in den Sinn, einer fremden Person, einer wilden, will ich fast sagen, direkt in die Augen zu sehen. Und an sich hatte mir das nicht in die Augen sehen ja von vornherein erst die Probleme gebracht, die ich davor so hatte. Wohin soll ich denn einem Mädchen in einem Lokal sonst sehen, wenn nicht in die Augen? Und wie den natürlich schrecklich unsittlichen Blick aufs Dekolleté rechtfertigen? Mit Sigmund Freud? Das dauert zu lange. Mit einem kurzem "Na wohin soll ich denn sonst sehen" ist es auch nicht getan, glauben Sie mir. Da waren die Augen eine willkommene Alternative. Doch zurück zum eigentlichen Thema.
Manchmal ziere ich mich noch etwas, zum Beispiel einen Polizisten anzulächeln, denn wer weiß, was der sich dann von mir denkt - doch mindestens bei allen Leuten, bei denen mir egal ist, was sie von mir halten, bin ich konsequent. Straßenbahnfahrer, die mir vor der Nase davonrasen, Leute, die verdutzt aus der Auslagenscheibe eines Restaurants blicken, Personen, die ich an Haltestellen antreffe - ich bin schon richtig gut darin, Menschen freundlich anzusehen. Und dann geschah merkwürdiges:
Die Leute, die ich jahrelang verachtet habe, wegen ihrer engstirnigen Minimetropolistischen Idiotenmeinung, ihrem Wahlrecht und dem daraus resultierenden Wahlergebnis alle paar Jahre, die hässlichen Frauen in Pelz, nun, sobald das ganze Gesocks, dass sich in dieser Stadt zu Hause fühlt nach kurzen Schrecksekunden damit abgefunden hat, jetzt plötzlich ohne Grund nicht unfreundlich behandelt zu werden - es überlegt. Es fragt sich - kenn ich den? Büro, Weihnachtsfeier, nein... Vielleicht der Neffe von... nein... ah! der Postbote? Nein... vom Pizzaservice? verdammt, wieso lächelt er mich an? Diese Sekunden sind die schönsten. Wenn sie sich nicht trauen wegzusehen, weil sie mich ja damit vielleicht vergrämten, und mich aber nicht ansehen wollen, weil sie mich ja nicht kennen.Und dann passiert eines von zwei Dingen: entweder, der Reflex der Person überwiegt, und sie sieht zu Boden, oder schaut den Tauben nach, oder kramt in ihrer Tasche herum, oder dreht sich um und tut so, als hätte sie etwas gesehen oder gehört, was ihre Aufmerksamkeit verlangt - ganz so, wie ich es von mir selbst kannte; Oder - und hier sah ich ein Wunder geschehen - sie lächeln zurück.
Verdammt, dachte ich, was mach ich jetzt? Schnell auf den Boden schauen. Oder auf die Tauben. Oder in meinen Taschen rumkramen. Wo ist mein Handy? Vielleicht kann ich so tun als bekäme ich einen wichtigen Anruf?

Ja, es ist ein holpriger Weg zum grundlos freundlichen Menschen, und ich kämpfe noch immer mit mir. Doch mittlerweile bin ich schon so weit, dass sich einmal folgendes begeben hat, und das war, was ich eigentlich erzählen wollte. Immer wieder lächle ich eben die Menschen an, und immer öfter lächeln sie auch zurück. Und hin und wieder, sagen sie dann etwas - beschweren sich, dass die Straßenbahn nicht pünktlich kommt, sagen dann vielleicht noch wo sie hin wollen, hin müssen, was es dort zu tun gibt und alles andere sonst noch. Sie haben plötzlich Vertrauen, anscheinend hebt der Lächelnde sich ab, in solchem Maße, dass man ihm erzählt, was anderen verheimlicht wird. Mehr noch, vielleicht ist ihnen wichtig, sich anvertrauen zu können, nicht allein zu sein. Und dem Lächelnden erzählt man lieber, man schenkt ihm vielleicht etwas privates, am Ende gar als Gegenleistung für die unbegründete Freundlichkeit? Fühlt man sich schuldig und ertappt, wenn ein Fremder einen anlächelt? Man kommt jedenfalls in Gespräche, wenn man zu Leuten nett ist. Und im Lächeln sehen die Leute diese Freundlichkeit. Mit Lächeln kann man also ALLES überbieten, was wir Wiener an Freundlichkeit gewohnt sind.
Letztens stand ich an der Haltestelle und wartete auf den D-Wagen, als neben mir eine ältere Frau stand, es war dunkel und kalt, sie trug einen Hut und einen Pelzmantel, und ich lächelte sie freundlich an. Erst nach kurzer Zeit bemerkte sie das, und sah mich ihrerseits nun an - und das, zu meinem Erstaunen, noch dazu genau so freundlich und herzlich, wie ich es ihr vorgelegt hatte. Wir warteten schon 15 Minuten auf die Straßenbahn, die in dieser Spanne schon zwei mal hätte fahren sollen.
"Ein Wahnsinn ist das, als ob ich keinen wichtigen Termin hätte. Und wieder werde ich zu spät kommen", eröffnete sie das Gespräch.
"Wenigstens ist das Wetter nicht schlecht", sagte ich zynisch in den Schneeregen, doch das verstand sie nicht.
"Also mir gefällt das Wetter gar nicht", sagte sie, "und zu spät komme ich nicht gern zu Chorprobe, wissen Sie? Das ist mir unangenehm. Aber wenigstens nicht so tragisch. Doch manchmal muss ich schnell nach Hause mit den Einkäufen, weil man wartet ja nicht gern lang aufs Essen, besonders, wenn ich Gäste habe ist das peinlich, ich muss dann ja auch vorbereiten, Tisch decken, und so weiter. Ich setz ja nicht nur Kaffee auf und stell Kekse hin, wissen Sie?" - "Nicht?" fragte ich möglichst einsilbig, um ihre Rede nicht zu unterbrechen. "Nein, das ist doch keine Art. Ich mach schon immer ein ordentliches Essen, mit Lachs, und darauf Gemüse und darauf Trockenfutter." Ich wunderte mich kurz, und hörte aber weiter zu. "Nun, das soll ja schön aussehen auch, das Auge isst ja mit. Auch wenn er aus Ungarn kommt, der Arme. Ein Straßenkind, wissen Sie? Das war vielleicht ein Kampf, mit den Behörden! Aber er hat dann noch vor Ort alle Impfungen bekommen, und jetzt ist er bei mir."
Langsam dämmerte mir, dass "er" wohl nicht ihr Mann oder Adoptivsohn war. Die Dame hatte ihre Verwirrung gekonnt auf mich übertragen. Und verwirrt war sie, soviel stand für mich fest. Wir saßen schon längst im D-Wagen, sie erzählte dann noch von den Liedern, die gerade geprobt wurden, und mehr und mehr von ihrem Hund, ein Mischling war es, ein ganz lieber. Und sie fragte mich, was ich den so treibe, studieren, antwortete ich, Philosophie. Um am Arbeitsmarkt nicht ganz nackt dazustehen. Doch auch das verstand sie nicht. Wenige Stationen später stieg sie aus, ich blieb noch sitzen. Ich wagte nicht zu fragen, was sie mit den Gästen, für die sie kocht gemeint hatte.Vielleicht war der Hund importiert, um kredenzt zu werden? Vielleicht umgekehrt die Gäste hierzu eingeladen? Ich fragte nicht, und dann war es zu spät. Doch egal wie die Antwort auch ausgefallen wäre, es hätte nichts an dem schönen Bild geändert, dass sich in meinem Kopf gebildet hatte: Und wenn ich manchmal noch an die nette, verwirrte, kynophile, chorsingende Dame zurückdenke, deren Namen ich bis heute noch nicht weiß - und meistens denke ich an sie, wenn ich auf der Mariahilferstraße an den Leuten mit Bier in der Hand und Hund vor den Füßen vorbeigehe, dass die bürgerlich-rechte Zielgruppe der "Kronen Zeitung" und die aktivistischen Kampfveganer dann vielleicht doch ein gemeinsames Ziel verfolgen, den Tierschutz. Und wenn mich dieser Gedanke schmunzeln lässt, habe ich wieder Kraft, den nächsten Fremden anzulächeln.

Reden wir über's Wetter

Dieser Mai war - nicht nur in meiner Wahrnehmung, sondern auch laut meteorologischer Aufzeichnungen - der hässlichste Drecksmai seit langem. Zwischen jede Stunde schönen Wetters mischte sich mindestens eine halbe Stunde Regen. Krieg erklärt wurde jedoch erst, als die Erdbeeren im Supermarkt mitten in der Saison (auf die man sich als ökologisch bewusst lebend- und kaufender ja freut) teurer wurden. Wenn einmal kein Regen fiel, blies ein Wind, besser, gleich mehrere, alle Freude aus den Augen der Bewohner der Stadt - oder hätte dies zumindest mit Berauschung, wenn sie nicht schon zuvor weggeschwemmt worden wäre. Zwar akzeptiere ich gerne mal einen Regentag, auch Gewitter sind schön, aber ich habe kein gutes Gefühl dabei, wenn man Überlegenheit und Machtlosigkeit des Gegenübers so selbstgefällig demonstrieren muss, wie ein Schwanzloser Autofahrer auf einer italienischen Autobahn (ich rede speziell von demjenigen mit deutschem Kennzeichen, der das Leben seiner gesamten Familie riskierte, nur um mich zwischen Turin und Mailand zu überholen, obwohl ich selbst schon 160 fuhr. Hey, ich weiß, Urlaub mit der Familie, und Ausreden gibt es keine guten - aber Dude. Das sind deine Kinder. Und du hast sie schon bis zum geschätzten 6. Jahr gebracht. Und du glaubst doch nicht ernsthaft, dass nur sie den Crash nicht überleben würden, deine nette Frau und du selbst, ihr müsstet alle dafür zahlen, dass deine Hose dir zu geräumig ist. Und so schlimm kann es auch nicht sein, außer die zwei sind adoptiert. Kopf hoch, Geschwindigkeit runter). Und hier spielte sich das Wetter auf, jeden Tag feiernd, dass es die Genfer Konventionen des Frühlings weder unterschrieben noch gelesen hat. Mit dem Wetter ist es so eine Sache. Es ist der stete und effektivste auf-den-Boden-Zurückholer des Menschen. Es ist erfahrene Transzendenz, es ist Qual der Erhabenheit. Es ist der konsequente Schlag ins Gesicht des Homo Sapiens als Gesamtspezies, der Preis, den er zahlen muss, dafür, dass er je aufrecht zu gehen lernte. Der Sündenfall war, auf den Geschmack europäischer, asiatischer, etc. Früchte zu kommen - sobald davon gegessen war, war die Welt zu klein geworden. Das zahlen wir heute, das zahlten wir heuer den ganzen Mai damit, eingesperrt zu sein, winterdeprimiert und unglücklich. Es kann alles gerichtet worden sein: Regnen wird es weiterhin mehr, als die Felder bräuchten. Und am ersten Juni ist der Himmel noch immer grau. Undurchdringbar stellt er sich zwischen uns und die Sterne, die dadurch viel unerreichbarer werden, als bloß durch ihre Distanz. Heute am 62. April 2010, wird sich nichts ändern. Das Wetter bleibt schlecht, und mit ihm die Laune, die kollektive wie die eigene.

Es zerstört den Hoffnungssplitter
auf schönes Wetter
das Gewitter.
Eingesperrt bleibt man im Raum
Sommer ist da kaum
mehr als ein Traum.

Weinfest

Es ist mit Weinfesten so ein Ding. Eigentlich begrüßt man natürlich jede Gelegenheit, jede Ausrede zum akuten Alkoholismus, andererseits muss man sich so vielen Widrigkeiten, zuvorderst die anderen Weinfestbesucher, ihre Musik und ihre Visagen, ihre Gespräche und ihre Blagen ertragen. Es bleibt daher ein Weinfest ein ambivalentes Vergnügen, noch mehr so, als es mich in die Orte meiner Jugend führt, und unter die nun ihrer Prophezeiung gefolgten alternden Menschen, denen man vor langem prophezeit hatte, sie würden auch in Jahren noch auf Weinfesten anzutreffen sein, die man dort heute antrifft. Wenn man sich dann aber dazu aufgerafft hat, sich wider besseren Empfindens dem Ereigniskonglumerat Weinfest und seinen - fast sage ich Verzückungen, ich meine allerdings natürlich - Verrückungen auszusetzen, geht der Punk ab, wenngleich auch leider in der ursprünglichen vorscarymovieschen preanglifizierten Bedeutung des Abgehens, also, vermisst Werdens. Denn nirgends ist alles so konventionell und indoktriniert wie auf einem Weinfest. Wenige finden das gut, und die Masse betrinkt sich, bis sie es gut findet, meint der Optimist in mir, aber das Verhältnis ist wohl umgekehrt. Schon weht einem ein Hauch Luft entgegen, dessen Duft man entnehmen kann, dass er zuletzt noch mit der Fritteuse fickte, und sich nachher zu duschen weigerte, ja Pommes Frites und Grillhuhn sind in der zu heißen Abendluft. Am Boden allerdings sind andere Geschöpfe, die der saftigen bis grauslich triefenden gastronomischen Finesse der haute cuisine d'Bahnhofsstraße ein Ständchen bringen, um sich, als Carnivor und Fettabsorbant bestätigt, besinnungslos, nicht aber sinnlos zu betrinken. Nicht sinnlos?, wirft der Ruralkulturoptimist ein. Ja, antwortet die gespiegelte Sphinx der Kulturrealpessimisten mit der Totenmaske Paralipomenas, man hat hier eben Verständnis, man ist fett, isst fett und trinkt, bis man fett ist. Die Dreifaltigkeit der Lipide stelziert grazil über die Heurigenbänke, die sich von Bierbänken nicht unterscheiden, und nimmt, außer dem Anstand, keine Gefangenen. Selbiger wird erst Sonntags in der Kirche wieder auf- und ausgestoßen, wie Ostern die Glocken, plötzlich klingelt es allen, he, die anderen benehmen sich schlecht, da muss man doch was tun, am besten Leserbriefe an Kleinformate.
Doch man trifft nicht nur solche, die alle Hoffnung vor Jahren verloren haben, sondern auch die, die nie welche hatten. Solariumsbraun mit blauem Lidschatten, sowohl kosmetisch als auch politisch, tanzen und stehen sie gleich lebenden neben metallischen angekarrten Jahrmarktattraktion, schießen mit schiefläufigen Gewehren Plastikrosen für läufige Friseusen, der dumme August hinter der Schießbude düftelt die Plastikblumen nach ihrem gewonnen werden noch mit Rosenwasser ein; fahren Autoscooter gegeneinander, prügeln und besaufen sich, und benehmen sich wie das das Höhlengleichnis absolviert habende Batterielegehuhn: desillusioniert und pessimistisch. Verübeln kann man's ihnen nicht.
In Parzellen, nach Heurigen sortiert, feiern die Weinbauern ihre Monokultur, abgetrennt von den anderen quält sich nie der Gedanke einer Gemeinschaft, immer ist die Trennung immanent und klar. Der Unterschied zum Gang zum Heurigen, außerhalb der Weinfestzeit, beschränkt sich auf die Lautstärke der Musik allein - und die kulinarische Irrfahrt der toten Backtiere natürlich; dieses Jahr gab es auch Back-Ente, was das Verschwinden meiner lieben Begleiter vom Fluss erklärte. Vielleicht ist das der einzige echte Grund für Verachtung und Hass: sie fressen meine Enten, diese Scheißdrecksmenschen. Ein Grund mehr, den Rundgang zu beenden und sich auf die Bierbank einer Weinschank zu setzen, auf eine Kellnerin zu warten, mit ihr banal zu schwatzen, und den ersten Liter Wein zu bestellen. Das Wasser dazu muss man sich selbst holen. Wenigstens macht einer der Scheißdrecksentenmörder sich nützlich, und bringt schokolierte Früchte am Spieß - wenngleich völlig überteuert - zum Tisch. Nach Litern, Schokoerdbeeren und einem Würstchen im versalzenen Schlafrock reicht es wieder für ein, oder besser zwei, vielleicht fünf Jahre, und unter kakophonen schlagerisierenden Coverbands, die schon im Original Schreckliches moralisch schlecht interpretieren, torkelt man, vorbei an Schlägereien, Hütchenspielen, Alkoholikern, Kellnerinnen, Entenkillern, anatiphoren Unmenschen, gen Straßenbahn, die zwar von unfreundlichen Sicherheitskräften belagert wird, genauso wie von Alkoholisierten, aber dennoch Freiheit verspricht. Diese Fahrt in die Befreiung wird von der Tatsache der Mitfahrgäste nur wenig getrübt. Sehr viel mehr trübt den Blick der Wein, und ein Jahr später wird man alles so sehr vergessen haben, dass man sich auf das nächste Weinfest ... freut.

Eine Kerze dem Anaticid zum Gedenken,
gebacken nebe'm Glas-einschenken.

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