der kuss

weggehen fortgehen reden reden reden
spazieren heute gestern verwechseln
nachlaufen nachlaufen
abschuss ich will nicht mehr unter einem dach sein mit jemandem der

es ist mir erst in den letzten 24 stunden klar geworden

und man sieht keinen unterschied!

dann fliegt sie davon

stegholz gespuckt.

Nach dem Begräbnis

An der Umgebung erkannte Jonas recht bald, dass er träumte. Die Stube und die Großmutter darin, an der er vorbei zog, die ihm unverständliches nachrief. Und dann in dem Zimmer. Und Vanessa saß da. Von allen Menschen auf der Welt. Vanessa saß vor ihm, ihm auch Nachts keine Ruhe gönnend. Er griff nach ihrer Hand. Sie zog sie weg. Er wollte sie mit einem Kuss begrüßen. Sie ertrug es steinern. Er setzte sich ihr gegenüber. Sie sah auf den Boden. Dann sah sie ihm in die Augen. Es war dunkler, als wären Stunden vergangen und hätten den Tag vorbeiziehen lassen. Vor dem Fenster schrie jemand, aber so weit entfernt, dass man nichts verstand.

"Warum liebst du mich? Wegen der Aufmerksamkeit? Weil ich schön bin? Kannst du schon etwas lieben, abgesehen von meinem Körper?"
"Ich liebe, was du in meinem Kopf machst. Ich liebe das Gefühl, dass du auslöst."
"Hat das etwas mit mir zu tun? Ist da irgendetwas, was du von mir liebst?"
"Woher soll ich das wissen? Ich kenne dich viel zu wenig. Ich kenne dich fast gar nicht."
"Und was ist das dann, was wir machen? Was ist das, was du glaubst in mir zu sehen?"
"Verständnis. Ich fühle ein Verständnis und ich fühle ein Begehren."
"Ein Begehren? Aber ich begehre dich nicht."
"Kannst du das schon so klar sagen?"
"Weil ich dich nicht kenne, meinst du?"
"Ja."
"Dein Begehren ist asymmetrisch. Du begehrst etwas, von dem du glaubst, dass ich es habe. Ich hab aber kein Verlangen nach dem, was du mir zeigst. Ich begehre deinen Körper nicht. Ich habe mich nicht in dich verliebt. Ich will nicht mit dir schlafen."
"Und wieso redest du dann mit mir? Du könntest mir doch auch einfach nicht antworten."
"Antworte ich dir?"
"Wir haben lange geredet!"
"Hast du mir dabei zugehört? Hast du verstanden, was ich gesagt habe?"
"Ja. Ich glaube schon."
"Was sage ich dir denn?"
"Du... du sagst mir nichts. Wären es Verhandlungen, die wir über etwas führen, du würdest zurückgelehnt am Ende des Tisches sitzen und mir ein gutes Gefühl geben, während ich mich zum Hampelmann mache. Würdest Dinge sagen, die ich als Zugeständnisse verstehe, die aber keine sind."
"Ich verkaufe aber nichts."
"Du gibst auch nicht viel."
"Du lässt mir keinen Raum, um etwas zu geben. Du nimmst so viel, ohne abzuwarten, was du bekommst.
Und wenn ich dir etwas gebe, dann verschlingst du es sofort. Du schlingst es herunter und verlangst nach mehr und mehr und mehr. Wenn ich dir etwas gebe, feuert es für eine Sekunde deinen Hochofen an, und dann glüht er wieder, verzehrend und rücksichtslos. Was soll ich dir geben? Du hast doch nichts davon. Du verschlingst nur alles. Du kannst nichts genießen, was passiert, und kannst nichts annehmen, weil du es sofort verbraucht hast. Du willst immer nur mehr und mehr und mehr und hast am Ende gar nichts."
"Aber wieso gibst du mir dann das wenige?"
"Du verstehst das falsch. Ich gebe dir gar nichts. Du saugst alle Radiowellen, die von mir ausgehen, auf, und glaubst, sie waren geheime Botschaften an dich. Du glaubst, dass ich mit dir rede. Du hörst gar nicht, was ich sage. Du nimmst und nimmst an. Die Basis dafür ist nur deine Projektion. Es hat nichts mit mir zu tun, was du machst. Und es hat nichts mit dir zu tun, was ich mache."
"Ist das eine Entscheidung?"
"Du nimmst mir die Entscheidung ab. Du handelst, als hätte ich entschieden. Ich brauche mich nicht entscheiden, wenn du das schon für mich gemacht hast."
"Ich will nicht so sein."
"Dann ändere dich. Aber du musst wissen, dass das wieder nichts mit mir zu tun hat. Du änderst dich vielleicht, ja, vielleicht ja wirklich, aber deswegen werde ich dich nicht attraktiv finden. Du hast den Moment überschritten, wo ich mich auf dich einlassen wollte."
"Die Zeit ist weiter gezogen?"
"Die Zeit zieht immer weiter"
"Ich hab dich verloren."
"Du hast mich nie gehabt."
"Hätte ich dich interessieren können? Zu irgendeinem Zeitpunkt?"
"Du bist vielleicht ein Idiot. Wir haben vielleicht vier Stunden geredet. Was für einen Zeitpunkt meinst du? Als ich dich zum Abschied auf die Wange küssen wollte, und du verklemmt zusammengezuckt bist?

Du interessierst mich, aber du ziehst Schlüsse und Aktionen daraus, und das ist nicht fair. Du lässt mich nicht ich sein. Du lässt mich nicht deine Projektionen abbauen, sollte ich das überhaupt wollen. Und ich habe überhaupt keine Lust, dir deine Projektionen abzubauen."
"Würdest du das wollen?"
lacht. "Deine Projektionen abbauen? Wozu? Warum sollte ich das wollen?"
"Ich weiß es nicht."

Jonas wachte auf. Es war mitten in der Nacht. Er sprang blind aus dem Bett, stürzte zum Tisch. Er kramte nach einem Stift, nach Papier. Er kritzelte mit zitternder Hand auf den Zettel. Nie gehabt. Attraktiv. Überschritten. Er legte sich wieder ins Bett.

Am nächsten Morgen hatte er keine Ahnung, was die Wörter bedeuteten. Nur Vanessa spukte noch in seinem Kopf, als er die Laudes aufschlug.

Wenn Wege sich trennen (für Gaby und Lukas)

Wie selbstverständlich leuchtet uns
das Licht den Weg
Und erst beim Stolpern merkt man
wie schwer es ohne geht.

Wenn alle Hoffnung mitgegeben
auf andern Pfaden leuchtend brennt
und alle Küsse Abschied streben
bleibt Angst vor dem, was man nicht kennt

So sehr vertraut schien doch der Pfad
und langsam immer weiter ziehend
dachte man, man ging gerad’
und plötzlich aus dem Unterholz die Abzweigung
gerad’ noch stolz
und froh und dann?
Allein.

Doch haben Pfade dieses Ding, sie kreuzen irgendwann.

Wir ziehen alle immer weiter
entfernen uns, nähern uns an
und freuen beim Abschied uns darauf
dass man sich bald begrüßen kann

Die Zeit zieht, nimmt das Leben mit
vermisst werd’t ihr auf jedem Schritt,
Und wenn wir nun beim Abschied stehen
freu ich mich auf das Wiedersehen.

Eichhörnchen

Ich sammelte die Zeit, die bleibt, wie ein Eichhörnchen, versteckte sie, als Sicherheit, für die Tage grau, die Nächte kalt. Die Momente gingen bald, von denen ich das halbe Jahr zehren muss, begehren muss, entbehren muss, zu denen ich blicken kann und sagen, dass alles gut ist, weil alles gut war. Und ich grabe und suche und dürste nach den Eindrücken die ich von dir hab. Und ich sehe, sie keimten, sie sind schöne Bäume, tragen Blüten und Früchte ins Grab. Und weit, weit zurück steht mein Leben bereit, bezogen zu werden, belogen zu werden von mir. Und steh ich eines Moments vor der Tür, und reiße sie auf, und hoffe dahinter die Früchte des Lebens zu sehn, steh ich an dem Abgrund, dem Ende Erinnerung und kann davon immer wieder gar nichts verstehn. Es war doch alles da und so gut hier versteckt, in Erinnerung sauber, tatsächlich verdreckt, ich suche die Sekunden, red' gar nicht von Stunden, bevor alles übersäht war von den Wunden der Zeit, und ich merk, ich wäre sofort gebunden, wärst du jetzt bereit. Ich schließe die Tür, an der ich riss, schmeiße ich sie zu, vergrabe die Zeiten und hoffe das Ruhe einkehrt. Und nächstes Mal, kommt nächstes Tal, ich komm dann nicht mehr zurück. Die Erinnerung bleibt als ein Stück von der Zeit, ihre Früchte vergiften das Land. Und während ich endlich, zum lieben bereit, fasse nach der nächstbesten Hand, vergesse ich langsam der Bäume Stand, geb auf die Schätze, lang vergraben, zieh mit dem Wind und lasse mich tragen von dem Wunsch noch ein bisschen mehr Zeit zu haben, mit dir, für den Weg. So fließe ich durch die Ewigkeit, schau, was ich erhasche, für des Herzens leere Tasche, öffne meine Arme weit.

moment

man sah ihr den sternenstaub in den augen an.
man sah so deutlich, wie viele sterne für sie vergehen mussten.
und wie wichtig alles das plötzlich war.
wie wichtig das ende so vieler welten.
nur für diesen moment. und schon war der moment wieder vorbei.

zurückgeworfen um millionen von gedanken starrte er in die richtung, wo gerade noch … was war dort gerade noch gewesen? vorbei, bevor es begonnen hatte.
ihm blieb nichts, außer der erinnerung. der erinnerung an das nichts, das ihn umgab.

ich weiß.



In Wirklichkeit habe ich gewusst, dass das kommt. Dass sie es gesagt hat und nicht ich, ändert nichts an den Monaten des Versuchens. Ändert nichts an der kommenden Einsamkeit. Wenn der andere stirbt, dann hat das automatisch so eine Endgültigkeit. Es hat vielleicht das Gespräch gebraucht, um diese Endgültigkeit hineinzubringen. „Ich weiß“. „Ich weiß“. Das war das erste, was ich nach fünf Jahren Beziehung gesagt habe. Das war meine Antwort auf „ich will Schluss machen“. „Ich weiß“. Ich wusste es, weil ich nicht dumm bin. Wir sind beide zu vernünftig, um weiter zu machen. Weiter zu probieren. Ich will auch Schluss machen, aber ich will dich nicht los lassen. Ich habe so Angst, loszulassen. Ich weiß ja, dass du das Beste bist, was ich hatte. Was, wenn du das Beste warst, was ich haben werde? Ich hatte so schöne Illusionen der Sicherheit. Ich weiß. An meine letzten Worte vor unserer Beziehung kann ich mich nicht mehr erinnern. Oder die ersten in der Beziehung. Doch. Du hast mich gefragt, ob ich das ernst meine. Und ich habe „ja“ gesagt. Es ging so schnell. Die fünf Jahre gingen so schnell. Und ich habe angst davor, allein zu sein. Angst, ohne dich zu sein. Ich liebe dich noch immer. In einiger Zeit hoffe ich, dass wir eine enge Freundschaft haben. So wie wir sie die letzten Monate hatten. Du hast ja recht. Ich weiß. Ich weiß nur zu gut. Die Geldbörse fühlt sich falsch an, weil die Fotos nicht mehr drin sind. Ich kann sie nicht wegwerfen. Und mein Finger fühlt sich falsch an, hat einen kalten Streifen, wo der Ring war. Ich habe mir doch die letzte Zeit immer gedacht, dass so viel gepasst hat. Dass eigentlich so viel noch gepasst hat. Ich wollte nicht Ende haben. Ich wollte weiter versuchen. Es hat doch so viel noch gepasst. Es hat so viel nicht mehr gepasst. Es hat nur noch ganz wenig gepasst. Natürlich genug. Natürlich hätten wir das alles zu Tode reiten können. Was heißt zu Tode reiten… Ich sage immer, Beziehung ist gemeinsam älter werden. Wir sind gemeinsam älter geworden. Wir haben einen riesigen Teil unserer Leben gemeinsam gehabt. Und ich bin so dankbar dafür. Das wenige, das jetzt noch gepasst hat: vielleicht haben wir das noch sehr lange. Ich hoffe, wir haben das noch sehr lange. Weil wir es jetzt benennen. Weil wir jetzt aufrichtig sind, jetzt sagen, was wir uns denken. Bevor es zu spät ist. Bevor wir uns nichts mehr sagen können. Es tut so weh, aber ich weiß doch, dass es stimmt. Dass wir beide das doch erkannt haben. Und es ist so gut, dass wir es uns jetzt eingestehen. Wie viele können es sich nicht eingestehen, bis es zu spät ist. Bis nichts mehr passt. Du musst es machen, weil deine Gefühle andere sind als früher. Ich muss es machen, weil sie zu einem großen Teil noch genau so sind wie früher. Weil ich nicht allein sein will. Weil ich dich nicht loslassen kann. Weil ich Angst habe, dich los zu lassen. Weil es richtig ist. Weil das Richtige nicht immer angenehm ist.

Die nächsten Tage werden so schwer. Aber ich bin so dankbar, dass ich dich in meinem Leben habe. Dass ich dich kennen gelernt habe. Und ich bin dankbar, dass du Teil meines Lebens warst. Und ich hoffe, dass du Teil meines Lebens bleibst.

Danke.

Klingeln.

Am Ende eines langen Tages genoss der erschöpfte Herr Hrgmpf ein Bier auf dem Balkon seiner Mezzaninwohnung. Die Baustellen verstummten nach und nach, die Mauersegler schwirbelten hungrig durch die Luft, als verlange die Stadt keine Steuer von ihnen, die brennend ungnädige Sommersonne zeigte sich von der der langen Quälerei der U-Bahn-BenutzerInnen ermattet und fast altersmild, so dass die 32 Grad im Schatten, verglichen mit den Saharatemparaturen des Tages fast schon erträglich wirkten, wenigstens, wenn man ein Bier in der Hand hat, das den Tag im Kühlschrank verbracht hat, in welchem man es sich ja auch selbst gerne bequem gemacht hätte, wenn auf Nichterscheinen am Arbeitsplatz nicht eine Kündigung gedroht hätte. So galt es also, den Arsch unwiederbringlich auf einem ergonomisch getüftelten Bürostuhl neidvoll an ein Freibad denken und auf Feierabend warten zu lassen. Nun, Freitag Abends, alle Unwichtigkeiten entweder erledigt oder ihnen gekonnt ausgewichen, konnte kaum noch etwas die Idylle der grauen Häuserfassaden trüben. Eine Straßenbahn ratterte über das, was die Baustelle von den Schienen übrig gelassen hatte und spuckte ihre Innereien an den Haltestellen auf die Straße, manche mit Taschen, andere mit Rucksäcken, einige mit Einkaufssackerln, alle, vom Sommertag gezeichnet, grauslich vor der Station verlaufend wie eine der Schwerkraft geopferte Kugel Vanilleeis. Sie flossen in Häuser, in Seitengassen, in Banken und Supermärkte, navigierten an Fahrrädern und Autos vorbei, und taten, als hätte das Leben für sie einen Sinn, einen Auftrag, eine Einkaufsliste, dessen/deren Erfüllung, Erledigung, Abhakelung noch als Draufgabe auf den eh schon im sauheißen oder, dank Wundern der Technik, saukalten Büro verschissenen Tag tiefere Weisheit und sexuelle Befriedigung als Belohnung verspräche. Da freute sich Herr Hrgmpf, nahm noch einen Schluck und schloss die Augen. Hier und dort bohrte oder dröhnte es noch, hupte es, rief es, klingelte es und Mauerseglergeräuschte es. Moment, klingelte es? Ja, an der Tür, und schon wieder. Sein Bier auf dem Tischchen stehen lassend arbeitete er sich durch das Luftdickicht zum Flur, drehte noch einmal kurz um, um eine Hose überzuziehen, atmete tief ein und öffnete. Niemand an der Tür, außer dem erhitzten Herrn Hrgmpf. Zurück zum Balkon, den Alltag abkühlen lassen. Keine Störungen wünschend lehnte er sich auf seinem Stuhl, von Seufzen begleitet, zurück, nahm noch einen Schluck und schloss die Augen. Ein Vogelruf, ein Hup- und Fluchkonzert, gleich um die Ecke, eine Altglasentleerung, ein Klingeln. Verdammt nochmal, dachte Hrgmpf, kämpfte sich durch die Luft der Wohnung, wirbelte Wärme auf und fühlte sich gestört, öffnete die Türe und: Niemand. Er horchte, leise atmend, ob da vielleicht jemand seinen/ihren Streich durch Schritte der Flucht auf der Treppe entlarvt, doch bloß ein kalter Hauch, durch alte Mauern dem Sommerbrennen standgehalten, legte sich auf seine verschwitzte Stirn. Hallo? fragte er. Ist da jemand? Nichts. Kurz überlegend, ob er sich mit seinem Bier nicht in die angenehme Kühle setzen sollte, statt sich wieder in die-und der Hitze auszu-setzen, beschloss er, dass ihm so ein warmer Abend dann in einem halben Jahr, wenn wieder gnadenloser Winter den gnadenlosen Sommer abgelöst hat, fehlen wird. Er warf die Tür zu, um noch etwas von der kühlen Luft hineinzukomplimentieren, schwurbelte formlos zurück auf den Balkon, lehnte sich schluckend zurück und schloss die Augen. Der sanfte Lärm lud zum Nachdenken ein, irgendwie ergab das kakophone Herumgemensche auf der Straße eine angenehme Kulisse zum Dösen ab. Vom Bier unterstützt schnorchelte sich Herr Hrgmpf in einen leichten Schlaf. Da redeten viele auf ihn ein, das Wetter zu heiß, zu heiß, Willst du eigentlich noch weiter nein eigentlich ich würd gern schlafen oder Urlaub machen. Trotz all der unterschiedlichen Fips-, Dröhn-, Srrii- und Hupgeräusche verpasste er aber nicht das Klingeln, dass ihn jäh aus dem Traum holte und zur Tür lockte. Geh scheißen, dachte er bei sich, und schloss die Augen wieder. Doch ignorieren, das war zu viel verlangt. Nochmal klingelte es. Und noch ein Mal. Hrgmpf blieb stur. So auch, wer auch immer die Klingel so penetrant betätigte. Hrgmpf nahm noch einen Schluck Bier, von dem man eine angenehme Trinktemperatur nur noch erahnen konnte. In unregelmäßigen Abständen ging das Klingeln noch bis in die Nacht hinein weiter. Irgendwann hörte es auf, und Herr Hrgmpf konnte schlafen. Bis ihn, des Morgens, die ersten Baustellen aus dem verschwitzten Bettzeug kommandierten. Aber heute gehe ich schwimmen, schwor sich Hrgmpf.

Umringt von alten Häusern und engen Straßen pfropft sich eine kleine Kirche in die Landschaft, alles überragt sie mit ihrem phallischen Turm und mehrmals täglich läuten ihre Glocken, um die Unterdrückung der Menschheit zu feiern. Als deutliches Symbol, von allen missverstanden ist die Kirche in Tote gebettet, deren Gräber, rund um die alten Mauern, den Kindern auch noch das Spielen vermiesen. Die Grabsteine sind alt, der neue Friedhof liegt schon etwas weiter außerhalb, nur die Namen sind noch nicht gestorben, die wenigen Familien, die das Dorf noch nicht verlassen haben, werden auch hier noch aussterben. Großeltern und Eltern leben hier, und ein paar wenige Kinder, die noch zu klein sind, sich zu wehren oder zu fliehen. Zu wehren hatte auch sie sich versucht, erfolglos. Es blieb ihr dann nur das Zurücklassen für eine bessere Zukunft. Die mutigsten Erinnerungen, die sich aus ihrer Kindheit erhalten haben, sind an den Friedhof, wenn irgendeine Tante oder irgendein Onkel oder irgendeine Großmutter oder irgendein Großvater starb. Es starb immer gerade jemand, und die Gelegenheit, auf dem Friedhof ein bisschen zu spielen, nutzte sie gerne. Da waren die Leute alle versammelt in der Kirche, jammerten und hörten sich Liebesbriefe an, die die Kleine nicht verstand, denn Liebe hatte sie noch nicht erlebt. Erst sehr viel später sollte sie – egal. Liebe ist egal, wenn Götter sprechen. Und so sprach Gott von den Toten, und dann beteten die Lebenden, und dann trugen ein paar Leute den Sarg hinaus, und dann gingen sie zum Friedhof hinüber, an den schweren Zäunen vorbei, und wackelten langsam dem Priester hinterher. Noch mehr beten, und irgendwann übergeben sie den Leichnam der Erde. Und weg war die Tante. So viel Geheul, dass die Kleine nicht verstand. Egal, was da gesagt wurde, die Tante war keine gute Person gewesen, einmal nämlich hatte die Tante sogar der Kleinen eine runtergehaut, weil … sie wusste gar nicht mehr, weswegen. Es gab wahrscheinlich auch keinen Grund. Vielleicht wollte die Kleine fernschauen, und hatte dies artikuliert. Die Tante war eine Cholerikerin gewesen, eine fromme Frau in der Kirche, eine einsame Frau im Haus und eine wütende Frau zu anderen. Als die Kleine sich bei den Eltern beschwerte, bekam sie dann noch eine gescheuert, kann sie sich erinnern. Was fällt ihr auch ein, schlecht über die Tante zu reden. Das mit den Eltern hatte sie dann niemandem mehr weitergesagt. Sie erwähnte es nicht einmal in ihrem stillen Abendgebet, weil wer weiß, ob ihr der liebe Gott dann nicht gleich als nächster eine schmiert.

Flughafen

Schon irgendwie überwältigend, die Baumasse und Raummasse und Schaltermenge und Menschenschlangen, etwas sakrales legt sich staubig auf die dauer-frisch-gewischten Böden, zieht sich entropisch über die gewachsene Verwucherung schnöder Kategorisierung und Ordnung. Ein Leitsystem folgt dem nächsten, Grenzen trennen sie alle. Zum einen ist der Flughafen der ehrlichste aller hochgezüchtet zivilisierten Orte, wo niemand dich zu bescheißen versucht, niemand gaukelt dir deine Freiheiten vor. Die Freiheiten beschränken sich darauf zu konsumieren, das Mitgebrachte vor den Checkpoints, das andere dahinter. Flughäfen sind für den Krieg gerüstet, für den/die FeindIn, zum Schutz der Bevölkerung gegen die Angst vor der Fremde. Nur blöd, dass gerade der Flughafen doch der Nexus eben dort hin ist. Wie viel angenehmer wäre es, das Kerosin in Mülltonnen zu verbrennen und den ganzen Transportscheiß zu umgehen, die Leut’ sollen z’haus bleiben, dann brauchen sie sich auch nicht aufregen, dass wir ihnen ihre Wasserflaschen stehlen. Flughafensicherheit, als ob es unsichere Flughäfen gäbe, differenziert man Personal und Institution gar nicht mehr. Ihr tragt das schwere Erbe, jetzt, wo die Terroristen besiegt sind, seid ihr die Letzte Bastion der Angst, die letzte Bastion der Unterdrückung, ihr seid die Terroristen, wenn wir keinen Terror mehr haben. Ihr dürft unsere Koffer aufbrechen, wenn ihr unsere Laptops stehlen wollt. Ihr dürft uns an die Genitalien fassen, wenn ein schlaues Buch euch sagt, dass das richtig ist.
  Wenn keiner mehr den FUD-Scheiß glaubt, ihr dürft euch gegen uns noch immer fragen, ob wir wirklich so viel Unterwäsche brauchen, wenn wir doch nur eine Woche weg sind, wofür wir denn ein Taschenmesser brauchen, und die ihr unsere Konsumgüter zerstört, damit nach eurer Sanktionierung und Absolution in den Automaten den gleichen Scheiß noch mal, aber teurer kaufen müssen. Staaten, ihr habt das Gewaltmonopol, und setzt es gegen uns ein. Flughäfen, ihr schneidet mit an der Einschneidung der Freiheiten und setzt das gegen uns ein. Und alles nur dafür, dass andere Staaten ZivilistInnen umbringen dürfen.

Augenblick, hausieren verboten.

Mhm, ja, ist ein Zeitchen her,
da glaubt man gern: kommt gar nichts mehr.
Die Pausen sind nicht immer glücklich,
Warten-Lassen seltenst schicklich.
Einmal sorry gleich dafür,
doch in Gedanken war ich hier!
Hach, was bringt die alte Leier,
will ja noch Bücher schreiben heuer!
Ausreden! Wird ja immer toller.
Entschuldigen macht hier auch nichts voller.
Kann man überhaupt geloben,
dass hier immer Neues oben?
Was bringt ein Content-Schwur
per se denn nur?
fragt sich (die nicht sehr hochfrequente)
vielgeplagte Schreibe-Ente.
(Es gibt, um Texte zu evozieren
und zum Schreiben motivieren
zwei Features, die man nutzen könnte,
hilft Leser_innen und der Ente.
Das eine: RSS-Feed-Abos: da sieht man, wenn was gepostet werden sollt,
das andre: ein flattr-button. da kann man spenden, damit der Rubel rollt)

Mit Dank und neuen Energien
flatter ich mal vor mich hin.

Aufzug

Natürlich bleibt der Aufzug, jahrelang ohne Ausfälle, genau dann stecken, wenn er dadurch sie festsetzen kann. Er weiß um ihren Narzissmus und fügt sich ihm nur zu gerne. Nichts da, hiergeblieben. Wenigstens nicht klaustrophobisch. Der Dame neben ihr steigt schon kalter Schweiß die Poren hinauf. Ich sag doch immer, Stiegen gehen, denkt sie sich, wieso mach ich es nie? Aufzüge sind lasterhafte Lastenträger, oder doch ein lastentragendes Laster? Laster lassen sich leichter tragen, im Aufzug, verbringt ihr Hirn ihre Zeit, fast so schlimm wie Rolltreppen, wenn sie alle auch nicht mithalten können mit diesen Dingern am Flughafen. Kein Haus sollte so hoch sein, dass es eines Aufzugs bedürfte. Aber was ist mit gehbehinderten Menschen? Na dann aber nur Behinderten-Aufzüge, mit Schlüssel? Das ist auch wieder diskriminierend. Aber wer laufen kann, soll laufen! Vielleicht gibt das Schicksal dann doch mal gerne einen Wink mit dem Zaunpfahl, indem eben ein Lift stecken bleibt. Aber wenn dann jemand im Rollstuhl im Aufzug stecken bliebe? Doch das Pamphletisieren und Grübeln hilft weder der schon grün anlaufenden, auch wenn diese ihre Contenance sonst geschult bewahrt bzw. ihre Reize eingetrichtert unterdrückt, noch ihr. Na, drücken wir mal den Notfallknopf. Keine Antwort. Ist heute unser Glückstag, versucht die eine einen Witz, der der anderen gar nicht schmeckt - wie auch, in ihr staut sich das Mittagessen für einen One-Way-Betriebsausflug. Kreidenbleiche schiebt sich über ihr Gesicht, als sie zu hyperventilieren beginnt. Ganz ruhig, atmen Sie langsam, meint sie ihr gut zuzureden, dringt aber nicht durch die Angstmauer, die gerade mit Panik verfugt wird. Da steht eine Telefonnummer, ich rufe die jetzt an, ja? Wir sind gleich hier raus. Bleiben Sie ruhig. Nichts davon dringt durch, was sie als Nicken versteht ist eigentlich nur nervöses Zucken. Dennoch nimmt sie ihr Telefon und wählt den angegebenen Notruf. 24/7 steht daneben. M-hm. Be-setzt. Nochmal. Besetzt. Nochmal. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Komisch. Aber die Feuerwehr möchte man dann auch nicht stören/bemühen. Nochmal den Notrufknopf. Nochmal die Notrufnummer. Kein Anschluss. Langsam wird auch ihr etwas mulmig. Dann doch die Feuerwehr. Akku leer. Scheiß Smartphones! Haben Sie ein Telefon? Kann. Ich. Mir. Kurz. Ihr. Te-le-fon. Aus-. Borgen.? Hallo? Das war zuviel. Zu viel Druck in der engen Kammer. Sie steht auf, greigt in ihre Tasche, hält kurz inne und kotzt ihr Mittagessen aus, quer über alles. Scheiße! ruft sie überrascht und springt zurück, gegen die Wand stößt ihr Kopf, bedrohlich wackelt die Kabine. Pendelt hin und her. Kommt nicht zur Ruhe. Pendelt. Sie, angekotzt und jetzt vielleicht auch berechtigt panisch, schreit jetzt. Dann hört man uns vielleicht, denkt die andere einerseits, hält andererseits den Lärm nicht gut aus. Trotz Wegspringens hat ihre Hose etwas Kantinenfraß vorverdaut abbekommen. Viel Platz gibt es für den Gestank ja nicht einzunehmen, und sehr schnell ist er damit also auch fertig. Während die eine nunmehr heulend und auf endzeitliches Moll gestimmt am Boden hockt, greift die andere missmutig aber hoffnungsvoll in die Tasche der Entleerten, leert sie (die Tasche) wiederum auf den Teil des Bodens, der noch halbwegs sauber ist. Tatsächlich, ein Telefon. Aber ausgeschaltet! Und wie lautet die PIN? Nur Wimmern. Die PIN! Vom Telefon! Ein Schluchzen, keine Antwort, bricht das Wimmern. Da schüttelt sie sie an der Schulter, Die PIN! Die PIN! DIE PIN! Doch nichts hilfreiches, nur ein Schrei Lass mich in Ruhe! Kann sie doch was sagen, jetzt erst recht, ein neuer Ansatz, aber mit Vernunft. Wir wollen beide hier raus, aber dazu brauche ich Ihr Telefon; In meiner Tasche; Ja, ich habe es schon gefunden. Aber die Geheimnummer brauche ich auch; weiß nicht. Weiß ich nicht. Weiß…nicht; Sie schüttelt dabei heftig den Kopf, Weiß…nicht; Aber wie schalte ich es dann an?; In meiner Tasche, Nummer, Tasche; In Ihrer Tasche?; Tasche; In Ihrer Tasche also? Was liegt denn da, Geldbörse, Tampons, Schreibzeug, lauter Scheiß und keine PIN! Wo in Ihrer Tasche?; Nummer; Ja, wo?; Tasche; Das ist zum Verzweifeln; Jaaa…, das in Heulen endet. Wieso muss das so stinken, fragt sie sich zwischendurch immer wieder, es sei repräsentativ jetzt erwähnt. Was ist denn nun dein Code? fragt sie nochmal. Eins Drei Zwei Vier.; Nicht Ihr Ernst, oder? Schnell probieren! Doch ihr Ernst. So ein blöder Code! Aber jetzt, Feuerwehr. Hebt keiner ab. Geh bitte, das ist och nicht möglich. Nochmal. Keiner hebt ab. Nochmal den Notdienst. Vergiss es. Die reguläre Nummer. Hebt keiner ab. Jetzt reißt der angekotzte Geduldsfaden. Sie schreit, die andere heult, die eine sitzt, sie tritt gegen die Tür, hilft nichts, es wackelt nur wieder ein bisschen, jetzt schlägt sie mit beiden Fäusten gegen das Metall, vorhersehbar metallisch dröhnt es zurück, kleine Dellen bilden sich zwar unter Fäusten und Schuh, werden auch tiefer, helfen aber auch nicht. Ein Versuch noch mit Kampfschrei, dann setzt sie sich auf den Boden, der ekelerregenden Masse einen Moment zu lang nicht gewahr, oder vielleicht nur in situationsbedingter Erschöpfung ignorant, es ist ja auch eigentlih egal, man kann alles waschen, und stinken tut es hier sowieso. Aber die Konsistenz! Wah. Die eine keucht, die andere schluchzt, beide wissen, dass sie festsitzen, und doch unterscheidet sie der jeweils antizipierte Ausgang des Szenarios einerseits und die Art des Umgangs damit so sehr... Plötzlich ein Klopfen, dann ein Knacken, von außen, aber keine Kommunikation, mehr wie ein Heizungsrohr, dass im Winter knackt, knackt, knackt, KNALLT! Die Kabine wackelt wieder, stärker als davor, weiter das Klopfen, weiter das Knacken, weiter das Wackeln, ein Aufheulen, ein Aufschreien, die andere steht auf, stemmt sich in die Türe, schreit Hilfe! Hilfe! Hilfe!, versucht, die Tür aufzuzerren, nichts da, noch ein Knall, Wieviel, wieviele Seile halten so einen Aufzug?! Das Telefon, der Notdienst, auch wenn es nichts mehr bringt, Hilfe!, voll Angst klopft sie gegen die Türe, es wackelt noch mehr, dann hört das Knacken auf. Oder? Sie braucht eine Zeit, um sich zu vergewissern, ihr Herz schlägt so laut, dass sie ohne Finger anzulegen ihren eigenen Puls messen kann, vielleicht missversteht sie die Geräusche, tief durch, tief durchatmen, tief tief durchatmen, Sie setzt sich nicht nochmal hin, sagt sie sich, Noch immer liegt die andere am Boden kauernd, unansprechbar, und hat nocheinmal gekotzt, langsam wird auch ihr übel von dem Gestank und der Situation. Wo liegt das Telefon? Jetzt möchte sie es noch einmal probieren, einfach irgendjemanden anrufen, aber da sind keine Nummern im Telefon, und zwar keine einzige, sie hat NICHTS eingespeichert! Nichts! Sie überlegt, welche Telefonnummern weiß sie auswendig, keine natürlich. Sie schaltet ihr eigenes Telefon noch einmal an, vielleicht ist genug Saft fürs Adressbuch nur kurz, bitte…bitte…Vergebens. Willkommen und Akku entladen!, sonst nichts, und aus. Nochmal und wieder nichts. Nochmal den Notruf. Bitte… Bitte komm! Es klingelt! Ja! Es klingelt endlich!

Warteposition

Wieder weicht sie seinem Kuss aus. Wie penetrant er sich an sie klettet. Es ist doch so offensichtlich, dass sie von ihm keine Nähe - eigentlich überhaupt nichts - will. Ihre Körpersprache spricht neongelb hinterlegtes Hochdeutsch mit Betonungsstrichen, ihn kümmert das wenig. Er wird sich kein Ende einreden lassen von ihr. Sie wird ihm das Herz gebrochen haben, das wird er später erzählen. Völlig unerwartet. Die Weiber sind auch alle gleich. Wird er bestätigt sehen. Dabei sagt sie doch alles, was man sagen muss, er hört nur nicht zu. Sie sagt so deutlich "eigentlich: nein", sie traut sich natürlich nicht, den Mund aufmachen. Ist auch besser für ihn, sonst bricht ihm noch das Herz. Er ist ja eh nett, aber so eine Klette! Sie fühlt sich schuldig, weil er doch so sehr verliebt ist. Liebe ist wie ein Brief vom Finanzamt. Und aus Angst vor seinen verletzten Gefühlen und weil sie ja ihre eigentlich eh nicht runterschluckt, aber er von ihr wenig mitbekommt außer dem, was er sich holt, küsst sie ihn dann, umschlingt ihn und hält ihn und klammert: mit etwa einem Zentimeter Distanz. Tatsächlich, ein Psychologieskriptum hat locker zwischen ihrem Bauch und seinem Bauch Platz, das merkt er aber garnicht. Fröhlich wie ein beachteter Hund geht er vielmehr zum Gegenangriff über. Liebe ist wie eine Partie Schach. Als er sich am Zug sieht, zieht sie sich wieder zurück hinter die Bauern ihrer wahren Gefühle. Hin und her plänkelt es so, ohne Rücksicht oder Aufmerksamkeit für- oder aufeinander. Und würde er sagen "Ich liebe dich", was könnte sie antworten, außer "Mhm".

Bakery Rising

Eine kleine Bäckerei. Hinter der mit Brot und Brötchen gefüllten Theke steht der/die VerkäuferIn und bedient die Kundschaft. Person 1 (Sorry ist keine gute Rolle, könnte man Sofia Coppola geben) geht mit einem Papiersack in der Hand, der wohl Brot enthält, aus dem Geschäft hinaus. Person 2 betritt den Laden.

VerkäuferIn: Bitteschön, wer bekommt?
Person 2: So eines von denen da vorne, bitte, ja das. Und einen Kaffee mit Sojamilch.
V:  Ich habe etwas ganz anderes gefragt.
P2: Wie bitte?
V: Ich habe nicht gefragt, was Sie haben wollen, sondern wer bekommt.
P2: Also. Nun, ich.
V: Wer sagt das?
P2: Na hören Sie mal!
V: Wer sagt, dass sie bekommen? Sie bekommen doch gerade gar nichts! War Ihre Annahme vielleicht doch etwas voreilig?
P2: Bitte geben Sie mir einfach mein Brötchen.
V: Sie brauchen hier nicht herumbetteln. Sie bekommen Ihr Brötchen schon noch.
P2: Ich möchte Ihren Vorgesetzten sprechen.
V: Vor mir sitzt niemand.
P2: Ich will einen Kaffee mit Sojamilch und ein Brötchen.
V: Wollen Sie das? Sie haben noch immer nicht meine Frage beantwortet. Wer bekommt?
P2: Na wenn Sie so weiter machen, niemand! Sehen Sie die Schlange hinter mir?
V: Wer bekommt?
P2: Ich. Bitte. Geben Sie mir doch einfach irgendwas!
V: Ich dachte, Sie wollten ein Karmutbrötchen, von da vorne. Und einen Sojakaffee.
P2: Ja. Aber Sie geben ihn mir ja nicht!
V: Also ändern Sie so Ihre Meinung so schnell?
P2: Geben Sie mir doch was Sie wollen, aber zügig!
V: Wenn Ihnen das so schnell egal ist, dann können Sie doch auch Ihre Meinung bezüglich meiner Frage geändert haben. Vielleicht bekommen Sie deswegen nicht? Weil Sie kein Interesse daran haben, zu bekommen. Sie wollen eigentlich nur - ja, was wollen Sie eigentlich?
P2: In die Arbeit, und zwar pünktlich, und mit einem Brötchen und mit einem Kaffee mit…
V: …mit Sojamilch, ja. Aber wozu? Sind sie so ein glückliches Reh, dass Sie nur ihr Futter brauchen und das war’s? Wenn ich Ihnen ein Brötchen gebe, kommen Sie dann jeden Tag wieder hier her für ein lausiges Stück Backware? Da werden Sie ja niemals selbstständig!
P2: Deswegen zahle ich doch dafür! Weil ich nicht selber backen will! Sie maßen sich an, meinen Platz in der Gesellschaft zu hinterfragen
V: Nein, nur Ihren Platz in der Schlange. In der Nahrungskette, sozusagen!
P2: Soll ich Jemandem den Vortritt lassen, ist es das?
V: Ich bitte Sie. Was soll das denn bringen? Sie kämen nur als nächstes ja doch nur wieder zu mir, und wieder stünden wir hier. Wem nutzt das?
P2: Der Person, die dann ihren Tag weitergehen kann!
Person 3: Ach lassen Sie nur, ich hab’s nicht besonders eilig.
V: Na dann! Wer bekommt?
P2: Ich!
V: Wie heißt das Zauberwort? Daran denken Sie garnicht! Guter Anzug macht wohl noch keine guten Manieren, aber was rede ich, Ihr Anzug sieht nicht besonders gut aus.
P2: Hören Sie mal! Wissen Sie, was der gekostet hat?
V: Ein „Bitte“?
P2: Weit mehr!
V: Ein „Bitte“ ist nicht inflationsgebunden.
P2: Was soll das heißen?
V: Es verliert nicht an Wert. Sie können es auch nachher sagen, es macht keinen Unterschied ob Sie sagen „Bitte ein Brötchen“ oder „Ein Brötchen, bitte“.
P2: Wieso?
V: Weil Sie so oder so keines bekommen hätten.
P2: Ich gehe jetzt.
V: Ohne Kaffee? werden die KollegInnen Sie dann denn aushalten?
P2: Nein! Unausstehlich werde ich sein, dank Ihrer Scharade hier!
V: Schön, jetzt haben Sie ein dankbares Feindbild.
P2: Aber kein Brötchen und keinen Kaffee! Danke!
V: Gerne. Auf Wiedersehen!
P2: Ich glaube nicht!
P2 ab
V: Bitteschön, wer bekommt?
P3: Einen „Gestaubten Wecken“ bitte.
V: Bittesehr, darf es sonst noch etwas sein?
P3: Nein danke, das ist alles. Hier, ich hab’s genau.
P3 ab
P2 stürmt herein: Wieso ging das so schnell und bei mir gar nicht?!
V: Sie haben meine Frage nicht beantwortet.
P2: Doch! Ich habe Ihre Frage sehr wohl beantwortet!
V: Ich glaube nicht, dass Sie das beurteilen können.
P2: Sehr wohl kann ich das! Ich wollte ein Brötchen und einen Kaffee und habe das klar und deutlich gesagt! Der Person nach mir haben Sie einfach gegeben, was Sie wollte! Wieso nicht mir?!
V: Bitte, Sie halten den Betrieb auf. Was bekommen Sie denn?
P2: Ein Brötchen und einen Kaffee mit Sojamilch! Bitte!
V: Nein, so geht das nicht.
P2: Wieso denn jetzt schon wieder nicht?
V: „Bitte“ müssen Sie schon vorher sagen. Sonst zählt das nicht!
P2: Gerade eben haben Sie gesagt „Bitte“ sei nicht inflationär!“ Also bitte!
V: Von Vorne!
P2: BITTE. EIN. BRÖTCHEN. UND. EINEN. KAFFEE.!
V: Mit normaler Milch?
P2: MIT SOJAMILCH!
V: Sie sind emotional. Bitte kommen Sie später wieder.
P2: Ich werde mich beschweren über Sie.
V: Wenn man Sie dort versteht, mit ihrer absurden Satzstellung.
P2: Was soll das denn heißen?
V: Glauben Sie, man merkt das nicht? Allein in zehn Minuten haben Sie jedem hier schlechte Laune gemacht und mir sogar gesagt, Sie werden dies mit voller Absicht in Ihrer Arbeit fortsetzen! Und ich soll Ihnen noch Brötchen und Kaffee dafür geben!
P2: Ich gehe jetzt. Ich lasse mich von Ihnen nicht länger beleidigen.
V: Ich kann Sie nicht gehen lassen.
V kommt hinter der Theke hervor und sperrt die Türe ab.
V: Jetzt ist es vorbei. Ich bringe Ihnen Ihr Brötchen.
P2: Lassen Sie mich hinaus! Auf der Stelle!
V: Nein. Sie sind in keinem Zustand. Sie essen jetzt ein Brötchen und trinken Ihren Kaffee, sonst granteln Sie noch die ganze Stadt voll.
P2: Raus! Ich will hier raus!
V: Sie sind aber nicht dran!
P2 tritt gegen die Türe
V: Bitte lassen Sie das. Wem nützt das? Niemandem. Hier, Ihr Kaffee.
P2 schlägt V den Becher aus der Hand.
V: Na aber hallo! So eine Aggression! Und Sie wollten in einem Büro arbeiten! Holzfällen sollten Sie, oder Polizist werden! Da können Sie Widerstandslose und Wehrlose verknüppeln und umstoßen!
P2 stößt V um, tritt auf V ein. Dann nimmt P2 die Schlüssel von V und sperrt die Türe auf. P2 ab.
V: Das Brötchen! Sie haben das Brötchen vergessen!



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Ist mir der Himmel viel zu grau
les' ich kurz Robert Gernhardt.
Fließt mir die Donau mal zu blau
greif ich zu Thomas Bernhard.

krank

Zwischenwetter kalt, dann warm, dann kalt.
Ich ernähr' mich richtig, mach Sport
und trotzdem sieht mein Immunsystem alt
aus.
Sobald so viel ich husten muss dass an
der Tür der Hausmeister klopft, mahnt,
dass ich keinen Hund halten kann,
der bellt,
koche ich Tee, Gallonen von Sorten,
schüttle mich frostig durch Tag und Nacht
kuschle an Heizkörpererwärmten Orten
die Decke.
Wie geht's Jungs, kommt ihr mit dem Virus zurecht?
Ich frage rhethorisch, ich weiß die Antwort.
Ihr macht euren Job gar nicht schlecht
aber nicht gut.
Schlaf? Nein, Filme ansehen, das geht
aber schlafen? Wie denn. Ich huste
mich wach, bis meine Lunge versteht
ich will sie nicht mehr.
Serien, Filme, das geht grad. Auch nachts um vier
zwischen Ruhe und Stress kommt langsam Rhythmus
zögerlich erst, später klar
von Wach sein und Schlafen in mir
zu-
rück.

Amsel

Gewitter dröhnt
verbittert stöhnt
die Amsel ihr Lied
allein

Einsamkeit plagt
bis ihr versagt
die Stimme das Lied
allein

Will niemand sie stören,
will keiner erhören
singt Amsel das Lied
allein

Sie flöge fort
doch am nächsten Ort
Gewitter auch zieht
herein

So fröhlich sie singt
ihr Ruf verklingt
hört niemand das Lied?
So ein

Mist.

blasphemische Saint-Exupéry-Variationen

Man spült nur mit dem Herzen Blut,
dem Rest ist die Niere undankbar.

Man spürt sehr, wenn es schmerzen tut,
manchmal ist's für Ärzte unrichtbar.

Man setzt nur Wasser auf den Sud,
Kakao macht Kaffee untrinkbar.

Man sieht bei Kerzen nicht sehr gut,
elektrisch Licht stellt klarer dar.

Die Henne schauderts vor der Brut,
letztendlich sie das Ei gebar.

Es klingen nur Quart und Terzen gut
Sekund und Septim sind schwierigar.

Man kann nicht so viel variieren,
wie man kotzen sollte.

Vernissage

Gefüttert von einer Attitüde, die Luxus anmuten lässt und schlechter Geschmack schreit, bohrte sich zuversichtlich ein Eindruck herablassender Missbilligung in ihr guthäusiges Fremdbild. Der, der dieses Bild in seinem Kopf weniger malte, als von den Ereignissen gestalten ließ, verlagerte sein Gewicht von Innen- auf Außenriss, drehte die Augen kurz in den befreienden freien Raum hinter der groß Maulenden, und kippte sein Glas in einem ambitionierten Zug. Wer spricht so? Wer zeigt solche Eigenschaften, und vermittelt dabei so unbeholfen den Eindruck von Überlegenheit? Und wo könnte er lernen, das gleiche zu tun, nur besser? Die Plattitüden flossen weiterhin aus ihrem Goldmund, der bei jeder Silbe mitschwingen ließ, noch nie Hunger gekannt zu haben, nie Wartezeit und auch nie: Rast. Rast ist der Freund der Armut, könnte ihr Leitspruch sein, mutmaßte er. Sie schenkte ihre Ansichten weiter aus, als eine Servierdame – er hatte bei kurzem Flirt ihren Namen schon herausgefunden: Sandra – herbeigefräuleint wurde, um die leeren Sektkelche zu füllen. Da platzte es aus ihm heraus, Sandra, lass bitte gleich die Flasche da, ich vermute, ich brauch sie hier noch. Der Rufadel zeigte Missbilligung durch eine so subtile Geste, dass sie nur Internatsleitungen und Tanzschulgründer_innen ins Gesicht gesprungen wäre. Ja, man muss sich betrinken, um diese Feier zu ertragen. Sandra aber kicherte nur, wissend, verschwörerisch, ohne den Erträglichmacher und seine schwere Hülle auf dem Bistrotischchen, um das sie standen, zurückzulassen. Hatte er gescherzt? Nein! Im Kopf der Schnöselin formte sich der Gedanke, sicher kein Trinkgeld zu geben — wer so kichert, der hat’s wohl schon gut genug — eine sinnlose Überlegung, da die Getränke schon von der Galerie bezahlt waren. Was hielt ihn denn, außer vielleicht die gute, wenn auch nervende Unterhaltung, die die Person darstellte? Plaudere sie doch, das Zuhören war ihm weder Anliegen noch ernste Last. Es war das Ungesagt, das plakativ Demonstrierte, was ihm die gleichzeitige Präsenz mit ihr schmacklos machte. Er kippte ein weiteres Glas, während sie zwei mal nippte, danach richtete er sich auf, sah ihr tief in die blau! geschminkten Augen und sagte in das Gesicht, dem jeder Test die Hunderasse Pom Pom oder Mops ans angesteinerte Herz gelegt hätte: „Du, es tut mir leid. Ich glaub mit uns zweien wird’s heut Nacht nichts mehr“, und ging. Verdutzt und überlegend, ob das strafrechtlich relevant war, kippte sie ihr Glas und fräuleinte sich ein nächstes. Stehen blieb sie jedoch alleine.

Aphorismen zu veganer Ernährung.

Mandelmilch in den Kaffee
macht den Tag viel süßer
gegen Nervtötungen zäh
entlarvt sie den Genießer

Dieser Schuss von Marzipan–
wenngleich er auch im Wasser flockt–
hilft, ich glaube fest daran,
dass den Tag man nicht verbockt.



Warum vegan? Ist das so schwer?
Wer Tiere isst, hat keine mehr.



es verzichten lang aufs schnitzel
zwei vgt-kritische spitzel.
fand man trotzdem keine spuren
geht der akt halt flugs verluren.


selbst wenn das gutachten wär' wahr
sind seine haare sonderbar.
troll! schreit lauthals die frisur.
troll! schreit auch der inhalt nur.


wer sagt dem vielentäuschten kind
dass zuspätkommen und genervt sein
keine tugenden sind?


ich bin vergesslich
deshalb schrieb ichs auf
und falls es so war
verweise ich drauf



Pflanzenmilch, das wissen schon Kinder,
schützt Ziegen, Schafe und auch Rinder.



Goldgräberautor_innen

Am Ende ist die Seite voll
und nichts davon findet man toll.
Man blättert um und hofft darin
dass doch die nächste mache Sinn.
Ist das Notizbuch vollgeschmiert
gilt's hoffen, dass man sich nicht geniert.
Wie gut hat's da die Malerei:
ist was ein Scheiß, dann sieht mans glei'.
Ein Notizbuch muss man durchbeackern
auf Suche nach etwas zum Gackern,
nach Erz in allerhand Müll und Schutt.
Warum macht schreiben so kaputt?

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